amere meander to lead astray cover

Ich sollte vielleicht vorweg erwähnen, dass ich diesen Text unter dem aktuellen Einfluss von Thomas Bernhard Literatur verfasse. Und wahrscheinlich nicht ganz zufällig höre ich dieser Tage nun mal auch das erste Album des Wiener Trios Amere Meander. Eine vielleicht gewagte Kombination, ich weiß. Bernhard selbst – würde er denn noch unter uns weilen und schimpfen dürfen – , würde dieses LP-Debüt nun sicher als geschmacklose und unfreiwillige Parodie elektronischen Dream-Pop-Rocks bezeichnen. Er würde atemlos poltern, fast jeden Song auf “To Lead Astray” als musikalischen Dilettantismus für die neue, durch und durch abgeschmackte Tanz-Gesellschaft etikettieren. Staubig wäre das hier, redundant, eine Farce und am Ende Provinzialismus aus diesem stumpfsinnigen Donau-Moloch, als welches Wien einem Bernhard heute viel stärker noch als zu Lebzeiten vorkommen müsste. Egal in welchem Lebensbereich.

Bernhard hätte unrecht mit seiner Plattenkritik. (denn wann hatte Bernhard schon überhaupt recht mit allem, was er schrieb?) Und doch glaubt man, er hätte an diesem Album ein bisschen auch zurecht sein gefundenes Fressen. Denn ja, Amere Meander performen sie zwar ganz gut, die Hüpfseilnummer, für die sie sich links an nicht weiter schockierenden Electro-Einflüssen und rechts an nicht weiter innovativen pop-rockigen Indie-Standarts festklammern. Reduzieren wir die Band darüber hinaus jedoch auf alles, was ihre Musik nun abhebt vom erwartbaren Mittelmaß, bleiben auf meinem Papier eigentlich nur zwei Songs übrig. “Eleven”, die erste Singleauskopplung des Albums. Und “Something I Am Not”, die zweite Singleauskopplung des Albums. Nach meiner Rechnung bleibt eigentlich keine dritte Single übrig, die an diese beiden in ihrer gelungenen Mischung aus Anti-Synthetik, Synthetik und Catchiness heranreichen würden. Nach dem Genuss von “Eleven” und “Something I Am Not” jedenfalls höre ich Bernhard sich fast schon wieder in seinem Wiener Grabe umdrehen.

Aber Moment. Sollte man vielleicht doch noch Song “Impressions” hervorheben? Den hat man für To Lead Astray etwas aufpoliert und gleich nochmal dazu gepackt, erschien er doch schon auf der gleichnamigen Impressions EP (2011), von wo er seinerzeit, wie man liest, als FM4-Hit weiterrotierte. Klar wird jedoch schnell, dass “Impressions” in Wirklichkeit als Vorübung zu “Something I Am Not” gelten muss und damit nicht weiter betont werden sollte.

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Oder bleibt vielleicht Song “Soldier” hervorzuheben? Er beginnt mit so einem unschuldigen Puste-Geräusch-Sample, das mir sofort gefiel, und das aber leider nach wenigen Sekunden wieder aufgegeben wird. Aufgegeben wird es zu Gunsten der wie üblich anklagend-dominanten Stimme von Sängerin Rukmini Klier. Diese lenkt uns dann wenigstens hin zu der angenehmen Refrainzeile “Sometimes I feel like a soldier who cares”. Das ist Seitenstraßenpoesie, die verzeihen lässt. Und trotzdem: Bernhard würde jammern. Würde das Schreiben dieser Rezension abbrechen, würde fluchen über diese drei Einfaltspinsel und ihre Unverschämtheit, solche Einzeiler ganz groß an die Hauswand zu malen und diese angenehmen Mini-Ideen so nutzlos zu verschenken.

Mein Beenden dieser Rezension zu “To Lead Astray” soll nun ein kleines Kompliment sein. Und es muss aussagen, dass, während ich dieses Album wie bei allen meinen Rezensionen sehr oft hörte, es mich nie wirklich nervte in seiner Gestricktheit. Die Sollbruchstelle von “To Lead Astray” ist jedoch wohl, dass es nach zweijähriger Produktionszeit und all den Mühen, die darein fließen mussten, am Ende wegen nur ein klein bisschen Übergewicht nicht von der Startbahn abzuheben scheint. Im Flieger jedenfalls sitzen ich und der Thomas und warten und warten und wollen einfach nur nach Palma. Und während wir warten, kommt aus den Kopfhörern eben unentwegt das Debüt von Amere Meander. Es könnte schlimmer sein. Immerhin stürzen wir nie ab. Und außerdem ist der große Wiener Zampano neben mir ohnehin schon seit 1989 tot. Amere Meander sollten sich darüber freuen. Ich les derweil mal weiter und drücke hier auf Stop…

Wertung von 10:
6von10-klein

Amere Meander spielen am 17.12.13 neben Wanda, Parkwächter Harlekin und The Goofballs im Wiener Rhiz auf der 6. Jahre Problembär Records Party. Eine Tour folgt im Frühjahr 2014.