UNS gegengift Cover

Rainald Goetz schreibt in seiner Erzählung “Rave” (1998):

“Und irgendwann war es dann doch endgültig aus und Schluß, und ich saß auf diesem kleinen Mäuerchen, neben den Plattenspielern und der Anlage, und schaute beim Abbauen zu, wie der Löffel und Sven ihre Platten in ihre Kisten klopften, das magische Material, wie nebenher geredet und geraucht und dies und das erledigt wurde, perfectly in tune mit all den letzten Stunden dieser Nacht, der Party, den vielen großen Reisen, auf denen viele da gewesen waren, und dieser morgendlichen Stunde jetzt. Wo die Narren abziehen. Und die Herren des Tages und der täglichen Geschäfte zurückkehren und, gut so, wieder die Regentschaft übernehmen.
Wie ich Sven da zum ersten mal sehe, das Sven-Ding verstehe. Wie der so ist. Wie ich schlicht und einfach bezaubert bin sofort, hingerissen. Und wieder finde, finden muß, wie schon so oft: daß die, die gerüchtemäßig und öffentlich als irgendwie toll gelten, es in echt auch noch tausendmal mehr wirklich SIND: toll. Daß das Gerücht immer stimmt, der Ruf, das sogenannte Image, das öffentliche Bild.
Sven Väth, Maniac Love.
Genau, genau, genau, genau genau.”

Ein großartiges Buch. Im Oktober wurde Rainald Goetz der Schiller-Gedächtnis-Literaturpreis verliehen. In der Begründung wurde u.a. hervorgehoben, dass er mit Rave den ersten Techno-Roman unserer Zeit schrieb.

Die Berliner Electro-Spasmen-Band UNS kommt nun mit ihrem Debüt Gegengift um die Ecke und verlautbart in ihrem Song “Sven Väth” (aber nicht nur dort, sondern gerne auch plakativ wo immer es passt und nicht passt): “Sven Väth ist kein Freund von mir“. Zwar bleibt in Zeiten der Anhäufung von Online-Freundschaften offen, ob die Band mit diesem Album-Slogan nicht auch schlicht ihr Bedauern ausdrücken will. Annehmen muss man aber eher, dass gegenüber Väth und Konsorten eben ein gewisser Mittelfinger ausgefahren wird (vgl. auch die spöttische Zeile “und bitte: drop the base“). Abneigung und Abgrenzung (mitunter Hass?) gegenüber all den gerüchtemäßig und öffentlich vertriebenen Wissensfetzen über jemanden, der so massiv Teil der deutschen DJ-Kultur ist oder war, dass mancher eben nicht kommentarlos an ihm vorbei kommt, ja, mancher gar seine Album-Flagge mit diesem Namen vollpinselt. Solches Verhalten sollte man dann aber doch bitte beim Namen nennen: Kompliment. UNS (alternativ anscheinend übrigens auch: *U*N*S oder U’N’S) stehen auf Väth. Heimlich und total verrätselt natürlich. Goetz steht auch auf Väth. Öffentlich und total auf Drogen versteht sich. Nur war Letzterer, Großwesir der Pop-Literatur, mit seinem Kompliment 15 Jahre schneller. So. Hätten wir das Thema also mal vom Tisch.

Aber man muss schon auch auf andere Ecken dieses Albums gucken, als nur auf diesen Anti-Väth-Slogan, um alle hier gelieferten Qualitäten zu entdecken. Und man darf sich auch bloß nicht irritieren lassen davon, dass die so schmerzlich bekannt gewordene Proletariats- und Edelweißrocker von Frei.Wild ebenfalls ein Album names Gegengift (2012) in petto haben. Es ließe sich zwar jetzt ewig drüber schwadronieren, wie das denn sein kann mit der Namensdopplung und überhaupt welches gemeinsame Marketing-Kalkül, huch, gar: welche gemeinsame gesellschaftskritische Denke da nun zu attestieren sei. Aber ich glaube, wenn es auch spaßig werden könnte: das führte zu weit. Hätten wir das Thema nun also auch vom Tisch.

Und also – jaja, ich komm jetzt zum Punkt – bin ich im Grunde auf vielen verschiedenen Ebenen total glücklich mit diesem Debüt. Abgesehen also von Feindschaftstümelei und irgendwelchen Namenskoinzidenzen bleibt nämlich ein wahnsinnig witziges, spastisch tanzbares und nach allem ungemein originell betextetes Großstadt-Album übrig. Total irre eigentlich, was da alles passiert, Song für Song, sehr artifiziell, muss man mal sagen. Und damit auch total polarisierend irgendwie in diesem ganzen Post-NDW-Neon-Drama. Aber man kann halt nicht so richtig weg hören. Genau wie im modernen Theater, wo man ja auch immer nur hinschauen und glotzen und noch mal glotzen muss und man im besten Fall da dann eh nur alle 10 Minuten überhaupt was kapiert. So geht es mir mit Gegengift auch. Und was theatralisches haben UNS ja, z.B. wegen ihren eigenartigen Retrofuturismus-Banduniformen … und diesem Sven Väth Fetischismus auch. Total schlecht alles auf den ersten Blick, und dann eben auch total geil. Weil wenn es hier am Ende sogar noch eine handfeste Programmatik gäbe (, die ich zwar noch nicht finden konnte, die aber was mit Gift zu tun haben dürfte), ja dann würde man sich sogar persönlich einigen können auf andauernde Gefolgschaft.

Aber Message hin oder her. Ist ja auch total out, Message mein ich. Und wenn Deichkind – apropos Theater – auf der Bühne des Kampnagel 2010 ihre komische Müll-Operette aufführen durften und den Zuschauer damals zum Bühnen-Müll mitinstrumentalisierten, dann dürfen UNS ja wohl auch ganz ohne Message ihre Bühne betreten und eben singen: “Sven Väth ist kein Freund von mir“. Und gleichzeitig hören sie dann in ihren hedonistisch gestärkten Musiker-Herzen ganz leise, wie es puckert: nie hatten wir eine bessere Idee, als UNS zu gründen. Und dann singen sie weiter “Realität ist kein Freund von mir“. Und dann kommt noch viel mehr von diesem großartigen Chaos, in dem man seinen Goetz eh nicht mehr wieder findet und nur noch laut jubelt: genau, genau, genau, genau, genau.

Wertung von 10:
8von10-klein

Tourdaten:
05.12.13 Nürnberg – Rockfabrik (mit FEHLFARBEN)
06.12.13 Reutlingen – franz.K (mit FEHLFARBEN)
07.12.13 Pforzheim – Kupferdächle (mit FEHLFARBEN)
13.12.13 Berlin – Magnet @ Karrera Klub
14.12.13 Hamburg – Molotow
19.12.13 Stuttgart – Zwölfzehn
20.12.13 Darmstadt – Oetinger VIlla
21.12.13 Karlsruhe – Kohi
03.01.14 Jena – Cafe Wagner
04.01.14 Dresden – Ostpol
08.01.14 Leipzig – Ilses Erika
11.01.14 Göttingen – Stilbrvch
14.01.14 Hannover – Cafe Glocksee @ Rubys Tuesday
25.01.14 Dresden – Ostpol
13.05.14 Potsdam – Ruby Tuesday @ Waschhaus