Kurt vile and the violators in berlin2

Gestern, 19:30, bin ich am Lido. Davor ein riesiger, schwarzer Nightliner. Parklicht an. Bin das erste Mal überhaupt hier. Ja, sorry. Trotzdem. Am Gebäude zwei Eingänge. Sehen beide geschlossen aus. Drücke die Klinke vom rechten. Offen. Ich drinnen und gucke unmittelbar in die entsetzten Augen des Soundtechnikers und den leeren Lido-Saal direkt vor mir. Er: “Was willst du denn?” Ich: “Zum Vile Konzert.” “Wie kommst du hier rein?” “Durch die Tür hinter mir.” “Das geht gar nicht.” Er prüft, ob die Tür, durch die ich grade kam, offen ist. Sie ist offen. “Nee, komm mal mit. Is noch gar kein Einlass.” “Achso. Aber auf dem Ticket steht doch…” “Jaa, nee.” “Ja, dann guck ich mal.” Gehe zum anderen Eingang. Tür offen. Ich rein. Drinnen zwei junge Frauen: “Hallo, na?” Ich: “Öh, na? Vile Konzert. Ist doch Einlass jetzt oder. Auf dem Ticket steht…” “Nee, ist kein Einlass. Musst raus.” Ich setz mich erstmal kurz hier am Eingang hin. Jemand vom Einlass kommt. Ich: “Das Vile Konzert. Da wollt ich einfach hin jetzt. Da bin ich.” “Einlass um 20 Uhr.” “Aber auf dem Ticket steht…” Ich zeige auf das Ticket. Da steht “Einlass 20:00 Uhr”. Ich: “Achso.” Peinlich. “Kann ich nicht trotzdem hier warten. Weil draußen ists kalt.” “Einlass 20:00 Uhr.” Ich sag besser mal nichts mehr.

Ja, ich freute mich schon ganz schön auf das Kurt Vile & The Violators Konzert. Auf der Lichtreklame am Lido-Gebäude steht zwar “Kurt Vile & The Violator”, aber egal. S hin oder her. Toller Typ halt, tolle Band und tolles Album, “Waking On A Pretty Daze”. Muss man gehört haben. Sein unbestritten bestes Ding. Und dann war ich halt irgendwann doch drin. Total früh natürlich. Um 20 Uhr eben. Die Vorband True Widow spielt erst um 21 Uhr. Am Merchstand ist ein abgerissenes Stück Pappe zwischen die CDs gelegt, auf dem gekritzelt steht: Please Help. T.W. Drummer needs Weed. Find ich gut. Ehrlich sowas. Fühle mich trotzdem nicht angesprochen. Dann das Konzert. Nett. Stoner Rock, haha, aber wirklich. Frontmann Dan Phillips ist sympathisch. Sieht so leicht kaputt Rockabilly-mäßig aus. Niemand der drei bewegt sich viel. Shoegazing ist angesagt. Da mach ich bisschen mit. Hilft. Aber das ganze 40 Minuten Set kann ich das nicht. Der Typ mit dem Weizenglas vor mir scheint Fan zu sein. Wenigstens einer.

Dann 20 Minuten Umbaupause. Voll ists geworden. Ich glaube, so gut wie ausverkauft. Und verdammt viele Einzelbesucher, männlich, zwischen 25 und 35 lungern hier rum. Hab das sofort gesehen. In der ersten Reihe direkt am Mikro steht der Fotograf der Berliner Zeitung schon mit seinem Apparat bereit. Der ist auch allein hier. Dann Kurt Vile auf der Bühne! Und die andern Drei, die Violators eben. Neben mir zwei Spanierinnen, die den knuffigen Vile ganz schön anhimmeln und ein bisschen kreischen, erwachsen kreischen, wahrscheinlich weil er auch so etwas wie ein neueres Sex-Symbol ist. Das denk ich da zum ersten mal. Der Zeitungsfotograf jedenfalls fotografiert dann also die ersten 30 Minuten des Konzerts dieses Sex-Symbol da vorn. Und immer, wenn das junge Jünglingsgesicht von Vile im Blitz aufstrahlt, kreischt es rechts von mir ganz kurz. Solche Fans wünscht man sich doch. Fans, denen egal ist, dass man daheim in Philadelphia Familienvater ist.

Er strahlt eben Sexyness aus. Das ist spätestens live ja auch gar nicht wegzudiskutieren. Und die neuen Songs sind ja auch irgendwie sexy. Man höre allein mal “Girl called Alex”, der wird natürlich auch gespielt heute. Ich stehe in der dritten Reihe, mittig. Auch in der dritten Reihe, gleich links von mir steht so ein Pärchen. Und die weibliche Hälfte kriegt voll den Jieper auf ihren Boy. Krampft sich an ihn, das ernsthaft ganze Konzert lang, küsst und küsst, total ekstatisch manchmal. Und er, so VICE-Leser-Style, lässt das auch voll mit sich machen. Und obwohl man ihm ein bisschen ansieht, dass er wegen der Musik hier ist: seine Susi ist dank Vile nur noch wegen ihrem Strolch hier. Im letzten großartigen Song vor der Zugabe, da wo Vile und Co. selbst ganz ekstatisch werden und eine Art Medley aus 2 Songs bauen, glaub ich, gefühlte 15 Minuten lang, da türmen und türmen sie die Gitarren, ganz gierig nach noch einem Kick und noch einer Schleife, noch einem Ausbruch, gierig, lüstern. Und während diesem ernsthaft wahrscheinlich besten Moment des ganzen Abends schleift die Dame links von mir ihren Boy unvermittelt mit sich raus. Sehr wahrscheinlich zur Toilette. Aber da verstehe ich sie plötzlich doch irgendwie. Und mein Mitleid für ihn schwindet.

Aber Vile spielt wirklich nur tolle Songs da vorn. Opener “Wakin On A Pretty Day“. Oder “Shame Chamber“. Oder “Goldtone“. Aber das sind eben die Songs vom letzten Album. Und das ist ja auch im Gesamten nur noch toll. Das Konzert dauert über 90 Minuten. Wahnsinn. Und auch wenn es hier und da ein paar technische Probleme gibt, spielt das Publikum von Anfang bis Ende total mit. Pfiffe, Rufe, Yeah yeah yeahs. Applaus und Wahnsinn. Und viel zu warm ists hier drin auch längst. Dann die Zugabe, darunter ein Oldie, ich glaub, was von Neil Young. Und dann ists eben rum. Nochmal: Wahnsinn. Und wo wir uns nach hinten raus bewegen: plötzlich Stocken. Alle so häh. Und dann sehe ich genau am Ausgang, wie ein junger Typ auf dem Boden liegt. Ohnmächtig geworden. Ernsthaft. Zwei Meter vor der frischen Luft umgefallen. Die Security hebt ihn auf, setzt ihn genau dahin, wo ich vor drei Stunden selbst kurz saß, als ich zu früh war. Aber dem Typen gehts nicht gut. Sitzt fertig da, wo ich super bereit saß. Aber es war ihm wohl von allem zu viel. Zu viele Leute, viel zu wenig Flüssigkeit, zu viel Hotness, ja, zu viel Kurt Vile & The Violators. Für den einen zu viel, für den anderen zu wenig. So ist das eben. Ich gehöre heute zu Letzteren. Wahnsinn.

Hundertausend Bilder vom Konzert gibt es übrigens bei itsonlymusicbutlive !

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