son-lux-lanterns

In den unberührten Bibliotheken meines musikalischen Gewissens befinden sich Bands wie Sammelausgaben, Jahrzehnte wie Karteischränke und Genre wie ganze Etagen. Verlaufen kann man sich hier, dunkel ist’s. Aber seine Augen ab und zu weit offen halten sollte man schon und eines dieser Werke aus dem Regal ziehen, denken: du und ich, wir sind uns ja vielleicht gar nicht so unähnlich. So funktioniert das doch mit den Dingen dieses Lebens, denke ich. Mit manchen zumindest.

Als ich 2010 Owen Pallet kennenlernte, da schlug ich eines dieser Werke auf. Zufällig. Was ich in den Händen hielt war ein Wörterbuch. War eine Anleitung. Plötzlich lesbar gemachte Chiffren, erklärt durch ein mitunter als Genie bezeichneten Musiker. Pallett performte eine unverwechselbare Virtualität wie sie zuvor nicht mal von Sufjan Stevens ausgekundschaftet wurde. Pallett war eines dieser ungelesenen Kapitel (auch weil ich Final Fantasy sträflich vernachlässigte). Und es war auch das unverzichtbare Vorwort zu meiner Begegnung mit Son Lux und dessen Album We Are Rising (2011).

Der Mensch hinter dem Pseudonym Son Lux ist Ryan Lott. Ein New Yorker Multitalent, das in jüngerer Vergangenheit neben Theaterengagements, Ausstellungsprojekten, Filmsountrack-Kompositionen, Albenveröffentlichungen und Touren auch noch die Zeit zu einem ausgiebigen Social Media Leben findet. Lott fährt also das Arbeitspensum auf, das einerseits der heutigen, allenthalben geforderten Dauerkreativität und Dauerbereitschaft entspricht. Andererseits aber nun auch an seine natürlichen Grenzen stößt. Also sollte man doch fragen dürfen: wieviele Ideen kann ein Mensch umher tragen, wie viele davon raffinieren und wie viele eignen sich zum Schluss zu nachhaltigem Output? Zu “großer Kunst”?

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Diese passiv-brutale Selbstoptimierung gefolgt von Selbstüberforderung lässt sich auf Lanterns nun gewissermaßen spüren. Und man kennt das doch auch von anderen Künstlern, die an gefühlten zehn Projekten gleichzeitig arbeiten. An der einen Stelle arbeiten sie schnell und unpräzise, an der anderen krampfhaft und verbissen, woanders wieder freudig und empathisch und zwischen allen Auftragsarbeiten will man so manch gute Idee eben nicht gleich an nächstbester Stelle verbraten, sondern sie in völligem Eigensinn lieber für das nächste Album aufsparen.

Lanterns ist kein imposantes Album geworden. Im Gegensatz zu Vorgänger We Are Rising wirkt es leichtfertig, bisweilen lustlos. Tracks basieren oft auf nicht mehr als zwei oder drei tragenden Elementen, fixen Ideen, die ein wenig durch dekliniert werden, neu verschachtelt auftreten, sich in sich selbst spiegeln, bald aber schon wieder am Horizont absteigen. Es scheinen flüchtige Klein-Werke zu sein. Wie im Vorbeigehen ersonnen. An einer unscheinbaren Wegesgabelung niedergelegt. Ausnahmen dieses Eindrucks bilden die Tracks “Enough Of Our Machines” und “Lanterns Lit” – vielleicht noch die Vorzeige-Single “Lost It T Trying”. Es sind zwar nicht die bombastischen aber doch markanten Sturköpfe des Albums. Welche, die plötzlich mit jener simulierten Verspieltheit überzeugen, die Son Lux schließlich so erfolgreich machten. Naiv und todernst gleichzeitig.

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Der Hauptteil der heutigen Son Lux-Erzählung basiert nach wie vor auf Virtualität. Ihr elektrifizierter Pop emanzipiert sich zunehmend von vorherigen Hip Hop Einflüssen, spielt jedoch weiter lose mit Kunst, Electronica, Stimmen und Samples. Lott bewegt sich dabei nun hin zu einem unsicheren Territorium des ohnehin schon Flüchtigen – einem, in dem man das Gefühl gewinnt, Son Lux fehle es an Erdung, Zuversicht und: an der früher so peinlich genau verdecktem Abhängigkeit von handfesten Posen.

Entweder nun hören wir auf Lanterns also einen hoch beschäftigten jungen Künstler gescheucht von all dem Leistungsdruck, dadurch leer und immer nur auf dem Sprung. Oder aber wir hören einen Lott, der sich schlicht in einem seltenen, magischen Übergangsprozess befindet, dessen geduldige Zeugen wir sein dürfen. Im Zweifel plädiere ich für die Nachsicht beim Übergang und die Wagnis des Fehlers – vor allem, wenn man es mit einem so anti-romantischen New Yorker Zeitgeist wie Ryan Lott zu tun hat. Das war und ist schließlich immer schon ein glaubwürdiges Gütesiegel gewesen. Eines sollte man trotzdem nicht vergessen: der Weg aus der Dunkelheit führt nicht immer ins Licht. Der Weg von Son Lux jedenfalls führt fürs erste weiter gerade aus. Bleiben wir Zeugen.

Wertung von 10:
6von10-klein

Im Januar 2014 in Deutschland:
14. Januar – Bi Nuu, Berlin
15. Januar – Artheater, Köln

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