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Eine Verführerin und ein Verführter. Das ist die Bilanz des Jessica Pratt Konzerts an diesem Berliner Blitzeis-Tag, an dem die Gitarristin aus dem warmen San Francisco im Monarch auftritt. Sie sagt, das sei ihr erster Besuch in Berlin. Die hier rund 70 Anwesenden begrüßen die Neue mit einer liebevoll gelassenen Montagsträgheit. Ja, und selbst die anwesende Hipster-Parade benimmt sich. Denn alle hier wissen ein bisschen, was sie erwartet.

Als sich Pratt mit ihrer Akustik-Gitarre über dem Kopf gen Bühne bewegt, uns den Rücken zugedreht, da schaut der ein oder andere doch zuerst etwas erstaunt. Pratt trägt einen dicken, braunen Pelzmantel. Vielleicht Kunstpelz, vielleicht ein Erbstück. Er lässt sie groß aussehen, riesig fast, Ostblock-Fashion-Week. Trüge sie zusätzlich eine Sonnenbrille, wirkte sie jetzt unsympathisch. So aber, nachdem sie ihn abstreift, diesen weichen Panzer, sich die Finger wärmt und die Gitarre stimmt, sich umdreht und uns einen ersten Blick auf sich erlaubt, ist alles wie weg gewischt. Denn ohne diesen Pelz ist sie kaum größer als 1,60m, zierlich, schmal, Haare ins Gesicht fallend. Und da passt sie wieder zu ihren Songs – diesen scheu gezupften Folk-Stücken zu denen sie so zärtlich singt, als erzälte sie uns eine Gute Nacht Geschichte. Und ich glaube, es atmen ein paar Menschen im Publikum innerlich grade etwas durch. Schließlich wissen jetzt alle ganz sicher, was sie erwartet.

Jessica Pratt’s Debüt Album entstand über den Zeitraum von sechs Jahren. Es sind teilweise Privataufnahmen mit dem Four-Track-Recorder. Als Tondokument hört man dem Album seine verschiedenen künstlerischen Entwicklungsphasen an – schließlich war es nie geplant, diese Songs zu veröffentlichen. Als ein Freund Pratt’s dem Musiker Tim Presley ihre Aufnahmen zukommen lässt, gründet dieser spontan ein Label für sie und veröffentlich Ende 2012, was zu veröffentlichen ist. Augenblicklich erlangt sie an der Westküste ohne viel Zutun ein großes Publikum. Die erste 500er Auflage ihrer LP ist sofort ausverkauft und plötzlich muss sie auch touren, neue Songs schreiben, muss lernen, mit der großen Aufmerksamkeit um zu gehen.

Photo by Nastassia Conquet.

Photo by Nastassia Conquet.

Und vielleicht legt sie sich ja genau 2012 den Pelz zu. Als alles sich um sie herum beschleunigt. Diese Woche sitzt sie zum ersten mal vor einem deutschen Publikum. Auf der Bühne neigt Pratt zu wenig Worten. Ein schüchternes „Thank you for coming“ oder „Sorry I have to tune my guitar“. Viel mehr ist da nicht. Mit mehr Worten würde sie allerdings auch ihrer solo erzeugten Athmosphäre die Luft raus lassen. Songs wie “Midnight Weels” oder “Dreams” sprechen für Pratt. Oft wird sie mit dem US-Folk der frühen 60er Jahre verglichen. Wie eine wolkige Mischung aus Karen Dalton und Nick Drake vielleicht. Allerdings mit der Intensität beider.

Und während das Publikum versonnen Jessica Pratt’s Konzert lauscht, sich ihrer musikalischen Ausstrahlung immer weiter hingibt, sich enger und enger an ihre sanften Lieder kuschelt, da lichtet sich vor mir plötzlich das Sichtfeld. Der Grund ist ein junger Mann, der sich den Liedern wohl einen Moment zu lange anschmiegt, möchte man sagen. Er sackt schlicht ohnmächtig in sich zusammen. Kurze Aufregung, ein Glas Wasser wird heran gebracht, er rappelt sich wieder auf, seine Begleitung trägt ihn besorgt davon und vorn spielt Pratt unbeirrt weiter. Sie ist nämlich fast schon wieder fertig mit ihrem kurzen Set. Und wenn sie den Mann fallen sah, dann will ich glauben, sie hätte ihn mit liebevoller Absicht auf seinen kurzen Traumpfad geschickt. Über 40 Minuten lang hat sie uns umgarnt, bis zum Schluss einer ihren sanften Gute Nacht Kuss leibhaftig annahm. Und wer weiß, was er in seinen entrückten Sekunden vor sich sah? Die Spekulation macht mich neidisch. Dieses Konzert glücklich.

Nächster Auftritt:
21.01.2014 Schorndorf, Manufaktur