the anna thompsons

Ich glaube, ganz zu Beginn war es dieses merkwürdige Drrrata Geräusch des Songs “Phone Richie”, das mich bei diesem Debüt vom allgemeinen Schulterzucken abhielt. Und hatte die vierköpfige Berliner Band damit also ihren Fuß in meiner Tür, kamen die Irritationen dann am laufenden Band.

The Anna Thompsons sind eine Großstadt-Gruppe, die sich ein bisschen auch aus Langeweile formiert hat. Man fand sich vor zwei Jahren auf Facebook, stellte gemeinsam fest, dass es jetzt mal Zeit sei, bisschen Rock’n’Roll zu spielen, stellte dann zwar fest, dass man die eigenen Instrumente nicht so wirklich beherrscht, aber schwups war die Band eben geboren. Die moderne Erzählung eines Klassikers. Nach ein paar Umbesetzungen am Schlagzeug besteht die Gruppe heute aus Kristen Munchheimer (Drums), Ana Catalá (Keyboard), Karen Thompson (Bass, Gesang) und Ambika Thompson (Gitarre, Gesang). Vermutungen über eine Verwandtschaft von Ambika und Karen sind hier nun so erlaubt wie augenzwinkernd uninteressant.

Interessant ist, dass die vier in Berlin hängen gebliebenen Frauen (Herkunft: USA, Kanada, Spanien) nach kurzer Zeit bei Motor Entertainment gelandet sind. Wie passiert sowas? Was macht die Band so attraktiv!? Ihr Sound lässt sich in etwa so beschreiben: die Shangri-Las durchtanzen erst die düsteren 80er, dann die rotzigen 90er und schreiben am Ende hübsche neue Tanznummern. Dies aber tun sie in einer Art, die durch eine goldige Form des Dilettantismus besticht. Und das meine ich natürlich nicht mal negativ.

Wir haben hier also recht profanes Songwriting, eine gemütliche College Attitüde, charmantes Retro-Feeling und vier Menschen, die das alles auch ausstrahlen können. Und so blöd es klingt: dies auszustrahlen, ist eben nicht einfach und braucht einen gewissen Schlag Leute. Und es braucht zuletzt natürlich auch das Verständnis des Publikums, welches 2014 trotz aller Gewöhnlichkeit irgendwie auf dieses Gesamtpaket abgehen kann. Drummerin Kristin Munchheimer sagte in einem Interview “If you’re four women in a band and you’re called a girl band, you are forced to be provocative.” Damit erklärt sie zwar ein bisschen auch die Songtexte der Band (z.B. “Let’s all hopelessly suck/ambitions are for those who don’t fuck” oder “I’ve been bleeding through my sheets every night“). Sie könnte auf einer anderen Ebene aber auch die Sorte Provokation meinen, die nach Camp riecht.

V.l.n.r. Ana Catalá, Ambika Thompson, Kristen Munchheimer, Karen Thompson

V.l.n.r. Ana Catalá, Ambika Thompson, Kristen Munchheimer, Karen Thompson

Es ist schwer zu sagen, welchen Einfluss der hier tätige Berliner Album-Produzent King Khan am Vibe hatte. Aber vermutlich sind die heimlichen Übertreibungen des Produktes The Anna Thompsons der Schlüssel zu diesem Mini-Phänomen. Erstens stellt man bedauernd die Girl-Band-Stereotype fest, lockt sie jedoch schon durch das Album Cover selbst hervor. Zweitens hat man als gesignte Berlin-Neuköllner Band schon mehr Feuer im Ofen, als die meisten anderen, unterstreicht das dann zusätzlich aber mit einer beinahe dilettantischen Band-Ausstrahlung. Und drittens kommt man aus aller Welt, strahlt dieses wir-machen-einfach-mal-Ding aus, diese komplex-egale Schicksalhaftigkeit, dieses Berlin-Image, das wahlweise magisch aufläd, Schwung gibt oder zerstört, auf jeden Fall aber gegen alle konservativen Regeln verstoßen darf. Diese Band hier badet darin.

Das Debüt der Anna Thompsons ist in seiner possierlichen Gewöhnlicheit ungewöhnlich. Es karamelisiert alle seine Zutaten zu einem willkommenen Snack. Ein Snack, den man zwar mit einer Club Mate runterspült. Aber auch einer, nach dem man bald wieder verlangen wird. Und ob zu Hause oder im Szene-Lokal: man ließe sich gern damit fotografieren.

Wertung von 10:
7von10 klein

Live:
01.02 Berlin, Auster Club, Album Release Party (mit Canyon Spree & DJ Alberto Wowsville)
21.02 Regensburg, Tiki Beat
01.03 Berlin, Lido, Support für Of Montreal
28.03 Wien, Kulturverein Einbaumöbel
04.04 Leipzig, Goldhorn
05.04 Kassel, TBA
29.05 Potsdam, Spartacus