striving vines live in berlin

Der Magnet Club und seine “Indie Kollektiv Parties”. Das ist ja auch so ein Thema für sich. In deren Rahmen finden nämlich jeden Freitag Appetizer-Konzerte statt, meist gespielt von jungen Bands aus ganz Europa, nie länger als 60 Minuten. Denn hinterher kommt immer der große INDIE BRIT POP ELECTRONIC-Unterhaltungsdampfer-DJ, der die willigen Massen anlockt, den Getränkeverkauf ankurbelt und alle angeheiterten Gäste zum Tanzen bringen soll. Kurz gesagt: ein austauschbarer DJ hat seine eigene Vorband.

Als ich um 23:30 zur Tür des Magneten reinkomme, sitzen dort drei Angestellte am Bezahl-Eingang und glotzen schweigend auf ihre Smartphones. Sorry, dass ich beim Whatsappen störe, aber ich will da mal rein. Ich drinnen, Bier gekauft, Situation beobachtet. Nicht viel los. Vielleicht 40 Leute hier. Am Tresen ein paar ganz junge Woo-Girls, die sich schnatternd auf entweder den späteren INDIE, den BRIT, den POP, oder den ELECTRONIC-DJ Anteil einstimmen, indem sie Shots bestellen. Daumengroße Plastikbecherchen für 2 Euro das Stück. Vielleicht stimmen sie sich auch nur auf einen geilen Abend ein. “Wer trinkt einen Mexikaner?”, wird gefragt, nachdem man mit den BFF-Selfies durch ist.

Aber hey, es sind diese Gäste, die beim Auftritt, der gerade anfängt, die erste Reihe bilden. Eine erste Reihe, die sich heute jedoch 3 Meter vom Bühnenrand verfestigt. Dieser Anblick tut weh und ich habe sofort Mitleid mit den vier Dänen von Striving Vines. Insbesondere, weil sie hier heute den offiziellen Deutschland-Release ihres zweiten Albums Obstacles feiern! Und da stehen sie also in Erwartung eines crazy Berliner Publikums, spielen ihre sympathischen Indie-Pop Tanznummern aber eben vor einer trägen Masse aus Mädchen und Männern. Letztere natürlich schön hinten aufgestellt. Nicht dass jemand denkt, man käme wegen des Pops hier her! Eine Ausnahme gibt es jedoch.

Im Leerraum zwischen Bühne und Mädchenmannschaft hat sich ein Herr allein platziert. Nennen wir ihn Klaus. Klaus ist Mitte Vierzig, klein gewachsen, einfach gekleidet und in meiner Vorstellung ein schweigender Freund lauter Töne. Denn Klaus steht während des gesamten Konzerts vollkommen bewegungslos einen Meter vor dem Gitarristen. Und guckt ihn an. Klaus klatscht nach Songs, ja, aber wer weiß, warum Klaus klatscht? Sänger Jonas Møller jedenfalls wird dieser obskure Anblick nicht entgangen sein. Zwischen den Songs (darunter auch ein neuer, nicht aufgenommener namens “Frost Bite”) fragt er etwas Unterstützung suchend, ob auch Dänen im Publikum seien. Zwei versprengte Menschen rufen irgendwas. Vermutlich auf Dänisch. Møller lächelt. Schaut zu Klaus. Beginnt schnell den nächsten Song.

Die Striving Vines spielen zur Feier des Tages natürlich viel von ihrer neuen CD, “White Sand” oder “Riverside” kommen gut an. Aber Konzert-Athmosphäre fühlt sich anders aus. Irgendwann sagt Møller ins luftig aufgestellte Publikum “We are having so much fun!” und ich frage mich, wer ihm das jetzt wohl glaubt. Aber egal. Ich mag die Band. Ich mag das Leichte an Album Obstacles und vor allem mag ich die Single “Sound Of Tomorrow”. Die spielen sie als ersten Song der Zugabe – kurz nachdem sie sich für kaum 20 Sekunden von der Bühne entfernten und zurück kehrten, als der Zugabe-Applaus abzuebben droht. Und dann nach zwei Zugabe-Songs kommt eben das Goodbye. Ich sehe, wie Møller nach seinem letzten Wort ins Mikro erleichtert seufzt. Die 60 Minuten sind rum, der DJ drückt auf Play. Aber Klaus steht immernoch da, vollgeladen mit Licht, Klang und Musik. Er bewegt sich nur zögernd vom Bühnenrand weg, denn ich glaube, es gefiel ihm sehr sehr gut. Und neben mir fragt ein Mädchen das andere “Trinkst du auch noch einen Mexikaner?”

Weitere Tour Termine:
03.02. Bamberg – Live Club
04.02. Mainz – Schon Schön
05.02. Stuttgart – Cafe Galao
06.02. Freiburg – Räng Teng Teng
07.02. (CH) Luzern – Treibhaus
08.02. Karlsruhe – Kohi