Photo by Alice Mahran

Mister And Mississippi, Photo by Alice Mahran

Schönhauser Allee 52. Das ist die Adresse eines Friseur Salons namens Headshop. Der ist tagsüber vor allem was für junge und jung gebliebene Frisuren. Abends dann aber auch immer wieder Treffpunkt für Freunde so genannter kleiner aber feiner Konzertevents. Jaja, das immer in diesem Friseur Salon und halt so zwischen Haarwaschbecken, Tuben voller Tönung und, naja, auch Hirschgeweihen an den Wänden. Alles auf schickes Understatement gebürstet. Wer’s kennt, den wundert das Ambiente nicht. Wer aber zum ersten mal hier ist, guckt zumindest mal links und rechts und dem fällt dann ein: achja, sind im Prenzlauer Berg. Und das Prenzlauer Publikum ist allem Anschein nach auch da. So viele schöne Menschen. Die schönsten davon haben idealerweise auch die schönsten Frisuren.

Und sehr voll ist’s. Um einiges voller als sonst, wie ich mitkriege. Ob das an ProSieben liegt, die hier vor nicht allzu langer Zeit mal ein Konzert mitschnitten? Heute sind wir jedenfalls locker über 60 Menschen. Einige sitzen auf dem Boden, einige stehen. Alle anderen finden Platz auf Klappstühlen und Sesseln, auf denen vor wenigen Stunden noch über Undercuts beraten wurde. Auf vorm Haarwaschbecken jedenfalls darf man Platz nehmen. Den Kopf lehnt aber niemand zurück. Denn die Kopfmassage kommt heute aus Richtung Bühne.

Der Abend soll gefüllt werden mit Musik der Dänischen Band Eggs Laid By Tigers (folkig-sphärisch) und dem Niederländischen Act Mister And Mississippi (folkig-keck). Dazwischen liest der erfahrene Lesebühnen Leser Andreas – Spider – Krenzke vergnügt zu Themen wie Klassentreffen, Solarien oder Bäcker-Wahnsinn. Alles recht angenehm und selbst ich Lesebühnen-Muffel grinse hin und wieder. Aber bleiben wir doch bei der Musik.

Jede Band darf in jedem ihrer zwei Blöcke so circa 15 Minuten spielen. Und es beginnt: Dänemark. Die drei twenty-something Typen lullen uns schönes Publikum passend zu einem schönen Sonntag Abend mit ihren soft runtergedrehten Instrumenten ein. Die Bandidee: man vertont Texte von Dylan Thomas. Alles ganz fein. Erinnert musikalisch an zeitgenössisch-melancholischen Folk mit einem Hauch der 60er. Und erntet nach dem ersten Song aus der letzten Reihe den Einwurf “Trauurigkeeit”. In der letzten Reihe nämlich hat die Headshop Belegschaft ihre reservierten Plätze eingenommen. Und ab sofort kann man die auch als allgemeines Stimmungsbarometer verstehen. Sie nämlich bleiben durchweg aufgegeigt und lautstark angeheitert, denken und rufen immer gleichzeitig. Das spürt nach den eierlegenden Folkmilchtigern auch der Lesebühnen Spider. Ihm Krawallo kann es nur gefallen.

Eggs laid by Tigers

Eggs Laid By Tigers

Und dann: Auftritt Niederlande. Das Quartett Mister And Mississippi turnten mich im Vorfeld mit ihrem Bandnamen zugegeben eher ab. Klingt so gefällig schulklug. Aber aber aber dieser Eindruck steht in gewaltigem Kontrast zu dem, was wir nun hören. Denn zum einen besticht Sängerin Maxime nach wenigen Sekunden mit ihrer gewaltig soulig-folkigen Stimme. Tief, angeraut, emanzipiert, golden. Aus der letzten Reihe die Worte: boah krass. Ich denke: boah krass. Und zum anderen strahlt sie mit ihren langen dunklen Haaren und dem Markenzeichen-Hut und der Feder darin und umgeben von ihren drei Bandmitgliedern unbedingte Aura aus. Ich schätze, sie ist sich ihrer Wirkkraft sehr bwusst. Die letzte Reihe jedenfalls ist sprachlos. Ich verfallen. Die Songs bleiben sanft-heiter bis nachdenklich. In Song Northern Sky singt sie “Looking for a soul with a heavy heart and a worried mind”. Erst als ein Songs namens “Southern Comfort” angesagt wird, erwacht die letzte Reihe kurz aus ihrer Sprachloskigkeit und johlt. Weil Alkohol und so.

Es lässt sich leicht eintauchen in diesen Abend und seine Stimmungen. Diese schönen Menschen hier, das Ambiente, der leichte Irrsinn der Headshop Belegschaft. Vielleicht passt aber alles nur so ausgezeichnet zusammen, weil Mister And Mississippi hier sind. Weil sie so greifbar talentiert sind. So begnadenswerte Songs peformen und zum Schluss des Abends mit voller Wucht und geringster lauter Lautstärke das Publikum trotzdem zum Toben bringen. Die letzte Reihe kann nach ihrem Abschiedssong nicht zu pfeifen und jubeln aufhören. Die erste Reihe aber ebenfalls nicht. So ein gelungener Abend, bedenkt man, wie still er begann und wie viel Energie er in uns allen noch weckte. Beim Verlassen des Salons höre ich, wie sich zwei Menschen verabschieden. Der eine sagt, “Schön, dass du so toll bist.” und winkt. Auf dem Weg zur U-Bahn stelle ich mir vor, wie dieser Mensch das Gleiche noch mal zu Mister And Mississippi sagen wird.

Beide Bands weiter auf Tour:

Mister and Mississippi

10.02. Hamburg – Astra Stube
11.02. Hannover – Livingroom Concert
12.02. Wetzlar – Franzis
13.02. Oberhausen – Druckluft
14.02. Dresden – Blue Note
15.02. Singwitz – Kesselhauslager
16.02. Nürnberg – Künstlehaus
17.02. Heidelberg – Häll
18.02. Köln – Die Wohngemeinschaft @ Theater
19.02. Bonn – Fabrik45
20.02. Düsseldorf – Kassette
21.02. Villingen-Schwenningen – Café Limba
27.03. Bonn – Harmonie @ WDR Rockpalast Crossroads Festival
02.07. Stuttgart – Café Galao
03.07. Stuttgart – Marienplatzfest
19.07. Heppstädt – Kuckucksheim Open Air
31.07. Herzberg Festival

Eggs Laid By Tigers
10.02. Hamburg – Astra Stube (w/Mister & Mississippi)
11.02. Köln – Lichtung
13.02. (CH) Basel – Zum Goldenen Fass
14.02. (CH) Zürich – Kultur FürDich
15.02. (CH) St. Gallen – Nordklang Festival
16.02. Offenbach – Hafen 2
17.02. Wuppertal – Hutmacher