die nerven fun cover

Neulich wurde ich gefragt, ob das Musik von Die Nerven ist, die da aus meinen Boxen tönt. Well, well, well. Es hätten Die Nerven sein können. Schließlich höre ihr neues zweites Album Fun ja dann doch alle paar Tage mal. Und außerdem verbindet mich mit der Band auch noch mein Verriss ihres ersten Albums Fluidum. Ja, was hab ich mich im Januar 2013 geärgert, als ich ihren putzig-wütenden Ritt auf der ganz en voguen deutschsprachigen Neo-Post-Punk-Welle mitverfolgte. Und auf einem Nerven-Konzert war ich damals sogar auch. Schulterzuckend nett fand ich’s. Doch zurück zum Punkt: die Musik, die man neulich bei mir hören konnte, war nämlich nicht von Die Nerven. Sondern?

Vor circa einem Jahr gab es da ja dieses merkwürdige Aufkommen von Bands wie z.B. Messer, Trümmer, Captain Planet, Ecke Schönhauser, Candelilla, das eNde und eben auch Die Nerven. Alle schlugen sie in eine ähnliche Kerbe. Und während Anfang 2014 Ja, Panik schon wieder lockere Tanzarten salonfähig macht, wird eine der oben genannten Bands von Spiegel Online’s Jan Wigger mit dem zur Zeit herumgereichten Kommentar belegt: “[Fun ist] eine der wichtigsten und besten deutschsprachigen Platten dieses Jahrzehnts“. Uff. Ein Zitat wie geschmiertes Brot. Da muss man sich fragen dürfen, wann man sowas überhaupt zum letzten Mal von angeblich seriösen Quellen zu lesen bekam. Und man muss fragen dürfen, was Die Nerven denn auf ihrem zweiten Album eigentlich besser machen, als z.B. Messer mit deren im November veröffentlichten Zweitwerk Die Unsichtbaren. Dem wurde von Spiegel Onlines anderem Musik-Schurken A. Borcholte nur bescheinigt, dass es sie “ins Establishment erhoben” hat.

Morgen gehe ich zum Ja, Panik Konzert und im März zum Messer Gig. Dazwischen spielen Die Nerven im Monarch und das spar ich mir. Warum? In meinem Verriss ihres Debüts endete ich mit “Aber da, Song Drei, ein Versprechen, das wir ausnahmsweise mal ironisch und blauäugig verstehen sollten: den Song “Morgen breche ich aus”. Ja, bitte. Dann bin ich auch bei der nächsten Platte versprochen weniger streng.” Aber der Ausbruch fand nicht statt und für Die Nerven bin ich immernoch der strenge Schulmeister. Denn fast alles, was mich an Fluidum störte, passiert auf Fun konsequent weiter.

Überraschungsarmut, Band-Comfort Zone und Texte mit bisweilen öden Binsenweisheiten wie: “Ich habe Angst vor Begebenheiten, Ängste vor Situationen/obwohl ich weiß, dass diese Ängste sich überhaupt nicht lohnen” (Song: Angst) oder “Nichts hat sich verändert, ich stehe morgens auf und gehe abends schlafen” (Song: Eine Minute Schweben). Und außerdem: die neuen Songs “Hörst du mir zu?” oder “Ich erwarte nichts mehr” fummeln sich mit der gleichen drögen Logik an uns ran, wie es 2012/2013 schon “Vom Leben & Sterben” oder “Für Jahre” versuchte. Von derlei Selbstkopie-Vergleichen ließen sich ohnehin noch weitere aufstellen. Aber, naja, schließlich liegt das vor allem ja auch an der musikalischen Schlichtheit von Die Nerven. Die gibt nämlich immer noch gleichbleibend viel bzw. wenig her, an dem man sich abarbeiten könnte.

Alles was sich verändert hat, ist das Alter der drei Nerven – verbildlicht im müden Witz des Plattencovers. Ein Witz übrigens, den U2 zu ihren wichtigsten Zeiten schon zwischen den Albencovern von Boy (1980) und War (1983) erzählten und damals zumindest noch für Gerede sorgten. Und eines hat sich auch noch verändert! Einen Song haben Die Nerven nämlich auf Fun, der mir wirklich gut gefällt. Er heißt “Ich erwarte nichs mehr” und kommt nach allem als das elaborierteste Stück des Albums daher. Zum einen ist darin eine Reminiszenz der (unsäglichen) Zeile “Die Stille ist zu laut” zu finden (ebenso in Fluidum-Song “Unersättlich”, man darf sich seinen Teil denken). Zum anderen aber flüstert und grollt der Song endlich mal etwas abseits des Die Nerven-Manierismus. Eine Erleichterung.

Doch als ich diesen Song irgendwann zum zweiten Mal hörte, musste ich schlagartig an eine mir sehr ans Herz gewachsene Band denken und die sofort noch mal anhören. Gemeint ist die Gruppe Mutter. Ihre Musik war es auch, über die ich neulich gefragt wurde, ob das jetzt die neue Die Nerven LP sei. Sicher nicht. Aber man darf zusammenfassend festhalten, dass die Gruppe Mutter nicht nur für Die Nerven eine Inspirationsquelle darstellen dürfte. Eine, deren Qualität Die Neven in ihren besten Momenten kurz mal berühren. Immerhin. Wie schön also, dass von Mutter demnächst ein neues Album erscheinen wird. Vielleicht was locker tanzbares, salonfähiges. Vielleicht auch nicht. Ein ganzes Genre wird jedenfalls aufatmen. Oder zumindest nur ich.

Wertung von 10:

4von10-klein

Die Nerven auf Tour:
13.02. Dornbirn (A), Spielboden
14.02. München, Unter Deck
15.02. Graz, Forum Stadtpark
16.02. Wien (A), Rhiz
17.02. Nürnberg, K4
18.02. Leipzig, Conne Island
19.02. Berlin, Monarch
20.02. Hamburg, Uebel & Gefährlich
21.02. Köln, King Georg
22.02. Wiesbaden, Schlachthof