damien-jurado-2014

Ach, wie schön doch der Heimathafen in Berlin Neukölln ist. Ein Saalbau, der Ende des 19. Jahrhunderts im damals noch Rixdorf genannten Stadtteil eröffnete und trotz oder gerade wegen seiner neobarocken Verzierungen im Innern manchmal auch etwas zwielichtigeres Publikum anzog. Heute ist der selbe Saal eine modern und galant einladende Event Location, die an diesem Abend ein bestuhltes Konzert für geschmackssichere Freunde des Folk ausrichtet. Ählich bezaubert wie ich, musste auch der Jurado Support Courtney Marie Andrews gewesen sein, als sie am Nachmittag den Auftrittsort zum ersten Mal betritt. Das sagt sie zumindest hier während ihres Gigs vor dem mit rund 400 Gästen ausverkauften Haus. Ein Auftritt, den sie mit ihrem letzten Berlin Auftritt vergleicht. Der fand vor drei Jahren in einem privaten Wohnzimmer in irgendeinem vierten Stockwerk statt, in das sie ihr Equipment allein hochschleppen musste. Wie sich die Zeiten doch ändern.

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Auch in Seattle übrigens, wo Jurado und Andrews herkommen. Jurado, der während des Abklangs des Grunge Hypes in den späten 90ern einer der wenigen Seattler Solo Singer/Songwriter war, wurde inzwischen das Etikett “Godfather of Seattle Folk” angeheftet. Und damit dürfte er auch der Godfather von jungen MusikerInnen wie Andrews sein. Die 23jährige verblüfft mit einer Stimme, die an die junge Joni Mitchell erinnert und mit einem Gitarrenspiel, das gezupft originelle Ideen verpackt und gestrummt weiche Harmonien setzt. Das ganze verziehrt sie mit charmanten Ansagen, die sie allein schon deswegen machen muss, weil sie nach fast jedem Song ihre Gitarre umstimmt. “Ich spiele heute in circa sechs verschiedenen Tunings.” Auf ihren inzwischen fünf (!) Alben dürften davon insgesamt noch mehr zu finden sein. Ja, es ist verblüffend, wie viel Talent diese junge Frau an den Tag legt. Ein Name, den sich Freunde des sanften Folk merken sollten.

Und dann kommt er, der dickliche Jurado, schlurft etwas geduckt zum Hocker, sagt kaum hörbar Hallo und beginnt sein Akustik Konzert. Jurado hat inzwischen sein 11. Album veröffentlicht. Eine mitunter mediocre Reihe von Veröffentlichungen, von denen ich bis heute aber nur die letzten drei gut kenne, weil Jurado in Interviews angibt, seit Album Saint Bartlett (2010) eine neue Richtung für sich entdeckt zu haben und diese seither konsequent weiterzugehen. Man kann sagen, Jurado stehe in seiner mittleren Phase vor uns. Eingeleitet hat diese vor allem die Zusammenarbeit mit Produzent Richard Swift (The Shins, Foxygen) mit dessen Hilfe sich der Folker Jurado seit 2010 stärker zu experimentellen, exotischen Ansätzen verhelfen ließ. Allein schon der Opener des aktuellen Albums Brothers And Sister Of The Eternal Son ist beeidruckendes Zeugnis davon.

Doch so auf sich allein gestellt fehlen Jurados Stimme und Gitarre die auf dem Album hinzu produzierte Wall Of Sound. Was wir stattdessen hören, sind Songs in ihrer jeweiligen Essenz. Ja, ein “richtiges” Folk Konzert. Es beginnt mit dem neuen Song “Metallic Cloud”, und es beginnt in einer insgesamt allzu passenden Location. Denn auch wenn der Heimathafen sicher nicht die Royal Albert Hall ist, so fällt ein wenig ehrwürdiger Glanz der alten Rixdorfer Tage doch auch auf Jurado dort vorn, Jurado, der halb umringt von Scheinwerferstrahlen wie in einem kleinen Lichtdom sitzt. Erst nach dem vierten Song spricht er aus der Kanzel zu uns Publikum.

Das ist der Moment, in dem der Eindruck eines distanzierten Musikers zerfällt. Jurado sagt, ihm wurde von seiner Freundin immer wieder empfohlen, sich dem Publikum vorzustellen, weil das einfach höflich sei. “Also dann, Hallo, ich heiße Damien Jurado. Und komme aus Seattle.” Die Lacher sind auf seiner Seite. Es folgen viele makellos aufgeführte Songs der letzten Platten, “Silver Timothy”, “Museum Of Flight”, “Cloudy Shoes”, … und noch mehr Ansagen, meint man. Fast scheint es, Jurado rede lieber, als dass er Songs performt. Er entschuldigt sich zwischenzeitlich dafür, aus dem Plappern nicht rauszukommen, wenn er mal damit anfängt. Als er den Publikumsfavoriten “Working Title” zu spielen beginnt, wooht jemand im Publikum, erkennt den Song sofort an Rhythmus und Akkord. Jurado hört abrupt auf und bittet darum, bei traurigen Songs nicht dazwischen zu rufen, weil sie ja doch traurig seien, und weil das nicht zusammen passe und es ihn irritiere.

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Eine Irritation, die ihm die Stimmung raubt, den Song bestmöglich für uns zu performen. Und ich glaube, Jurado investiert mehr Empfinden, als man seiner freundlich-mürrischen Ausstrahlung ansieht. Das Publikum jedenfalls zeigt sich auch dann noch verständnisvoll, als ihm Jurado später verbietet, bei einem Song mitzuklatschen. Ja, man lässt sich hier gern in seine Schranken weisen, will man die bestmögliche Performance erfahren. Schließlich hörte das Publikum inzwischen, wie sehr es sich lohnt.

Und immer wieder verfällt Jurado zwischen den Songs ins Erzählen. Einmal erklärt er den Einfluss Deutscher Bands auf seine eigene Musik. Kraftwerk seien wichtig. Aber auch – und da käme er mit einem Anliegen zu uns – die Hamburger Prog-Rock Band Frumpy. Deren erste LP (All Will Be Changed, 1970) habe er als Kind sehr oft gehört und suche seither in Second Hand Läden nach ihr. Wenn die jemand im Publikum also besitzt, solle er oder sie doch bitte nach dem Konzert an den Merch-Stand kommen. Dort verriete er dann, in welchem Hotel am nächsten Morgen eine Übergabe stattfinden könnte. Und Jurado meint das alles natürlich ernst. Er zeigt sich verliebt in Musik. Wann hört man diese verneigende Sorte von Bekenntnis sonst während eines Konzerts? Als er das Publikum später beim Gitarren Stimmen auffordert, ihm doch mal Fragen zu stellen, möchte ein Witzbold wissen, wo denn dieses Hotel sei. Jurado zieht eine Augenbrauhe hoch und fragt skeptisch “You got the record?” Das Publikum lacht. Jurado ist Unterhalter über seine großartigen Songs hinaus.

Alle seine Termine dieser Europa Tour waren bisher ausverkauft. Alle Platten seines neuen Albums schon vor dem Berlin Gig vergeben. Er entschuldigt sich auch dafür, sagt, sein Label war auf diese Nachfrage einfach nicht vorbereitet gewesen. Und er sagt auch, dass dieses Konzert für seine Maßstäbe riesengroß sei. So groß wie ein kleiner Dom, denke ich. 400 Leute also, 400 herzlich gelaunte Leute. Nach der Zugabe steht Jurado noch kurz auf der Bühne. In der ersten Reihe springt jemand zur Standing Ovation auf. Er ist einer, der für 400 steht. So wie Damien Jurado aus Seattle.

Jurado spielt morgen ein letztes Deutschland Konzert im Münchner Milla.