Ane-Trolle-honest-wall

Wenn Ane Trolle (35j) ihre erste Solo-Platte veröffentlicht, dann muss man die in Deutschland wenig bekannte Musikerin mit diesen Fakten vorstellen: 2006 Vocals für einen Trentemøller Track. 2007 eine Album-Veröffentlichung als Teil des Electro-Pop Duos JaConfetti. 2008 eine Album-Veröffentlichung mit dem Dänischen Rapper und Produzenten Pato Siebenhaar als Trolle//Siebenhaar. Darauf die bekannte Hit-Single “Sweet Dogs“. 2009 eine Album-Veröffentlichung als Teil des dänischsprachigen Reggae-Pop Trio Balstyrko. 2010 Engagement im Copenhagener Betty Nansen Theater. 2012 Veröffentlichung von Honest Wall in Dänemark. Und: 2014 Veröffentlichung von Honest Wall in Deutschland.

Da stehen wir Deutschen nun also und sollen dieser Unbekannten mit der langen Zickzack-Vorgeschichte erstmal vertrauen. Freunden origineller Genrehochzeiten darf das bei Honest Wall etwas leichter fallen. Die anderen werden wahrscheinlich beim ersten Hören der markanten Stimme von Trolle aufmerksam.

Für Trolle scheint es um viel zu gehen. Die oben beschriebenen jahrelangen Ambitionen und Sing-Arbeiten an verschiedenen Adressen mündeten immerhin recht spät in ein Produkt ganz aus eigenem Hause. Logische Folge: Trolle will auf Honest Wall zeigen, wie all ihre bisherige Erfahrung zu Buche schlägt. Wie eigenständig sie doch ist, wie talentiert und wichtig und beseelt und was weiß ich noch alles. Und natürlich macht sie sich damit angreifbar. Ein typisches spätes Solo-Album eben.

ane trolle

Trolles Stimme klang früh und klingt auch immer noch wie das blonde, blauäugige Pendant zu einer Amy Winehouse. Wunderbar rauchig und gelenk gleichzeitig. Trolles Äußeres erinnert dagegen an eine dreißigjährige Kim Gordon. Beides muss man als Kompliment auffassen. Und beide Vergleiche machen sogar im Musikalischen Sinn: Trolles musikalische Schrift nämlich hat die Farben des sonicyouth-schen Art-Rock. Rot, grau, Neongrün. Ihre Schriftart allerdings müsste Times New Soul heißen. Serifen und leichte Schnörkel, gepaart mit geradliniger Zeitlosigkeit. Und wo ließe sich das Ganze nun lesen? Auf der honest wall.

[youtube id=”DJXN2PAz3zo” mode=”normal” align=”center”]

Aber genug fabuliert. Ich hörte Honest Wall in letzter Zeit so oft, dass mir bald klar war, ich würde das Album als Folge entweder nie wieder oder in gewissen Abständen immer wieder mal hören wollen. Und was ist jetzt? Ersterer Fall ist eingetreten. Denn alles eigentlich reizende an diesem Album wird nach dem fünften Durchgang merkwürdig langweilig. Schuld daran ist sicher nicht Trolles überaus attraktive Stimme. Schuld daran sind 1) Trolles wolkig-kruden Lyrics, die sich lesen, als stammten sie von der Sorte immerschon-bekloppte-Klassenkameradin, die ungefragt ihre Poesie-Hausaufgabe vorliest und in Mathe nur Einsen schreibt. (“A room with no gravitation/the devil walking free“, oder “Send me home and back again/falling made us strong” oder “Only you release the masters in you, lava licks the frozen bars“..äh..ja, nee Danke). 2) eine Albumlänge von 52 min! (natürlich auch als 2LP Vinyl erhältlich). Ain’t nobody got time for that! 3) Zu viel von allem. Zu viele Ideen. Zu viele verschiedene Sounds, Instrumente und Ansätze. Und damit auch zu viel Verlangen nach des Hörers permanenter Aufmerksamkeit. Common, ich dachte, das hier würde eine gepflegt unterhaltende Indie-Soul-Something Platte sein und kein bald einstündiges 360 Grad Panorama des Lebens und aller erdenklichen Set-Ups im Aufnahmestudio.

Nun kommt Ane Trolle nächsten Monat zu Konzerten nach Deutschland. Und ich würde sie mir trotzdem gern live sehen. Der Grund ist nach wie vor ihre Stimme und ihre Ausstrahlung. Die wird mich live und mit weniger Album-Synthetik wahrscheinlich ziemlich umhauen. Außerdem tourt sie mit einem Frauenchor! Für mich ist ein Jammer, wie diese Platte Trolles Potentiale zerproduziert. Less wäre more gewesen – auf verschiedenen Ebenen. Aber dann wiederrum glaube ich nicht, dass irgendeine mittelmäßige Album-Veröffentlichung Trolle noch aus ihrer weiteren Laufbahn werfen wird. Soll sie halt bleiben. File under 1. Dänische Musik-Liga und so. Mein Herz hat sich aber nicht so wirklich gewinnen können.

Wertung von 10:
6von10-klein

Live:
15.04. Chemnitz – Weltecho
16.04. Berlin – Grüner Salon
17.04. Hannover – Feinkostlampe
18.04. Stuttgart – Café Galao
19.04. Schwäbisch Hall – Anlagencafé