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Na, wer findet den Schreibfehler?

 

Chuckamuck, so lasse ich mir kurz vor ihrem Auftritt sagen, sind eine blutjunge staatsakt Band, klingen wie die Libertines und schleppen nach Konzerten gern Frauen ab. Während ihres Auftritts denke ich dann: Chuckamuck sind ein bisschen älter geworden, klingen immer noch wie die Libertines (bloß in Klein und auf Deutsch), schleppen nach Konzerten aber wahrscheinlich immer noch gerne Frauen ab.

Chuckamuck sind außerdem: “rotzfreche” Texte, Jugendlichkeit, Straßenslang und Berlin-Dingsbums. Letzteres denke ich aber erst, als sie zwischen einigen Songs aus ihrem bald erscheinenden dritten Studioalbum auch eine Ode an den allseits bekannten Eck-Späti spielen. Kann man machen, find ich sympathisch. Auch sympathisch-aufdringlich find ich, dass die halbe Band schon während ihres zweiten Songs ins Publikum springt. Noch geht das gut. Noch ist da vorn etwas Platz.

Während des zweiten Songs des King Khan & The Shrines Auftritts ist das schon schwieriger. Da muss sich Chuckamuck-Frontboy Oska Wald durch eine dichte Zuschauermasse drängeln, um nach vorn in den Tanz-Pit zu gelangen. Im ausverkauften Lido ist dieser Pit nämlich tatsächlich schon sehr früh angeheizt. Zum einen liegt das natürlich an der erwarteten Soundwucht der Shrines, diesem Bläser-, Percussion-, Orgel- und Tamburin-Gewitter am Soul-Firmament. Zum anderen, und dafür sind wir ja schließlich alle hier, an der Präsenz von King Khan himself. Als König betritt er die Bühne, mit gewaltiger Feder-Krone und schimmerndem Umhang. Während der Sound das Publikum enger zusammen drückt, tobt, tanzt und jubelt es, als hätte es schon eine Stunde Show erlebt. Khan legt mir ein Lächeln auf die Lippen. Er macht sofort deutlich: ich bin König, Held und Star in einem. Der Beginn des Konzerts ist geglückt.

King Khan ist langjähriger, kanadisch-amerikanischer Soul, Funk & Garage-Musiker sowie Produzent (zuletzt hier übrigens besprochen das von ihm produzierte Album der Anna Thompsons. Die stehen heute übrigens auch im Publikum.) Und er ist eben gemeinhin bekannt für seine flamboyanten, larger-than-life Auftritte. Mal nimmt er die Hilfe von Go-Go Tänzerninnen in Anspruch, mal die von US-Vaudevillesken Bühnenfiguren. So sagt er während des Auftritts, man habe heute einige Überraschungen vorbereitet. Dann feuert er sich und das Publikum an mit “We are the hardest working band in showbiz!”. Showbiz, wie es klassischer nicht zu verstehen ist.

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Ein bisschen ist Khans Musik auch wie der Pulp Fiction Soundtrack einer anderen Dimension, schießt es mir in einer Tanzpause durch den Kopf. Schaubude, Körper und Soul. Dabei schaue ich durchs Publikum und sehe zwei junge Menschen. Sehe wie, er nur wegen ihr hier ist und umgekehrt. Sehe, wie es die beiden zueinander zieht, sie sich aber noch nicht so recht trauen, das dem anderen zu zeigen. Glaubt mir, für sowas habe ich ein Auge. Dann wieder alle Blicke nach vorn. Khan spielt seine Single “Bite My Tongue”. Schnell wieder tanzen. Die Bläser dröhnen, wie man es längst liebt. Dann eine Ansage: “Den nächsten Song widme ich Scott Asheton von den Stooges.” Applaus. Tanz. Dass der alte Monks-Sänger Gary Burger ebenfalls vor wenigen Tagen gestorben ist, muss Khan entgangen sein. Deren 60s-Proto-Punk könnte er ähnlich viel verdanken.

Dann eine dieser angekündigten Überraschungen. Zwei Menschen drücken sich aus der letzten Reihe zur Bühne. Der eine als Gladiator verkleidet, der andere mit riesiger Maske irgendwo zwischen Minotaurus und goldenem Kalb. Sie nehmen auf der Bühne Platz, während ein Special Guest solo auf einer bengalischen Chikara spielt. Ich schau zu dem noch-nicht-Pärchen, sehe wie er vorsichtig seine Hand auf ihre Taille legt, wie sie vertrauensvoll zu ihm hoch blickt. Dann schaue ich zur Bühne, wo Khan grade ins Chikara-Solo platzt, mit voller Band, voller Wucht. Tanzen jetzt. Das Lächeln kommt wieder ganz automatisch. Und er nimmt wieder seine Hand von ihr. Sie lächeln sich an.

Das ganze Konzert über fällt mir schon das junge Mädchen am linken, hinteren Bühenrand auf. Vielleicht 10 Jahre alt. Sie tanzt und springt und schwingt zum Rhythmus der Musik einen Glockenstab. Ihrem Blick sieht man, dass Khan ihr persönlicher Held ist. Der spielt inzwischen eine Zugabe, die mit überbordendem Applaus eingefordert wurde. Er sagt, die nächste Ballade widme er seiner Ehefrau und seinen Kindern. Ich schaue zum Mädchen, das sich in diesem Moment verschämt die Hände vors Gesicht hält, dann zum Inzwischen-Pärchen. Das nämlich küsst sich nun, ganz vorsichtig, ganz langsam, eine ganze Ballade lang. Am Ende des Songs winkt Khan seine Tochter zu sich auf die Bühne, so als gehöre dieser Applaus auch ihr. Die aber traut sich nicht. Ich glaube, die Schüchternheit hat sie von ihrem Vater.

Alles das passiert vor meinen Augen wie in Zeitlupe. Das frische Pärchen, der King, seine Tochter, das Publikum und die Shrines. Ich stelle mir vor, wie Tochter Khan in 15 Jahren interviewt wird. Wie sie erzählen soll von ihren Kindheitstagen auf Tour mit dem großen Papa Khan. Wie sie die renommierten Mitglieder der Shrines erlebte, wie sie es empfand, ihren Vater jeden Abend in seinen glamourösen Bühnenkostümen zu sehen, so ganz anders als andere Papas. Sie wird sagen, dass es eine magische Zeit war. Und sie wird sich an einen Abend in Berlin erinnern können, den Start der langen 2014 Tour. Wird sagen, dass es ein besonderer Abend war. Und dass sie damals erst merkte, wie sehr das Publikum Khan eigentlich liebt. Fast so sehr, wie sie ihn selbst liebt. Das Pärchen dort unten wird sie nicht gesehen haben. Aber das macht nichts. Denn die beiden werden diesen Abend auf ihre eigene Art nicht vergessen.

Live (Auszug der Termine in Deutschland, Österreich & der Schweiz)

19.03 DE, HAMBURG – KNUST
20.03 DE, KÖLN – UNDERGROUND
22.03 DE, MÜNCHEN – STROM
23.03 DE, DRESDEN – SCHEUNE
11.04 CH, ZÜRICH – MASCOTTE
12.04 CH, BERN – DACHSTOCK
13.04 CH, GENEVA – L’USINE
26.04 DE, STUTTGART – CLUB UNIVERSUM
28.04 AT, WIEN – CHELSEA
29.04 AT, LINZ – CROSSING EUROPE FILM FESTIVAL
30.04 DE, FRANKFURT – MOUSONTURM
02.05 DE, MÜNSTER – GLEIS 22