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Habe ich diese Band schon mal live gesehen? Mehrmals. Interviewt? Vor Monaten, hier. Habe ich gespannt auf diese erste EP gewartet? Und wie. Und bin ich bei Isolation Berlin wegen all dem eh etwas voreingenommen? Du stellst zu viele Fragen. Mein Exemplar der EP jedenfalls ist neulich eingetroffen. Und die Songs darauf lassen mich nicht los.

Für alle Dazugestoßenen: Isolation Berlin, das sind vier junge Typen aus der Hauptstadt, die deutschsprachige Musik machen irgendwo zwischen Eis-Am-Stiel-Romantik und Post-NDW-Wut. Vor allem letztere war es, die mich bei meinem ersten Konzerterlebnis der Band in ihren Bann zog. Neben kernigen Ansagen und einer schmissigen Performance trug aber merkwürdigerweise auch Sänger Tobias Bamborschkes abgenutzte, schwarze Lederjacke dazu bei, mein Interesse zu wecken. Wie als Trademark der Band steht auf dem Jackenrücken der Bandnamen gekritzelt. Eine Banduniform in Personalunion. Und fast wie ein Artefakt repräsentiert sie all das, was Isolation Berlin ausmachen könnte: dunkle Hoffnung, abgenutzte Liebe, süßer Selbstverbrauch. Ein Triumvirat verdichtet im heiligen Sakrament der Großstadtlügen und -lieder.

Aber betrachten wir doch kurz das kongeniale Bandfoto, das von Bandfreund Noel Richter stammt. Darauf zu sehen also die vier Bandmitglieder in die Szenerie einer Bier- und Qualm-Kneipe versetzt, und in einem Arrangement, das wohl der Symbolsprache der christlichen Renaissance-Malerei einiges abschaute. Mittig Sänger Bamborschke, klassische Pose mit leicht vorn angestelltem Fuß. Er schaut als einziger in die Kameralinse, die Dartscheibe hinter ihm zu einem Heiligenschein umfunktioniert, in seiner Hand hält er die Dartpfeile wie eine Reliquie. Vielleicht ist dies auch ein ironisches Zitat von Darstellungen des Heiligen Sebastians. Zu seinen Füßen sitzend Multiinstrumentalist Max Bauer, dem er schützend die Hand auflegt und der wie entrückt nach dessen Fuß greift. Umgarnt werden beide von Bassist David Specht und Schlagzeuger Simeon Cöster, die fast wie in einer Krippendarstellung in zeitloser Ruhe weilen, die Blicke ins traute Nichts gerichtet. Und alle vier, so scheint es, wissen mehr, als sie uns verraten wollen. Ein Foto wie der Gegenentwurf eines wimmelnden Aquariums.

    David Specht, Max Bauer, Tobias Bamborschke, Simeon Cöster (v.l.n.r.) (Foto: Noel Richter)

David Specht, Max Bauer, Tobias Bamborschke, Simeon Cöster (v.l.n.r.) (Foto: Noel Richter)

Das hübsche DIY-Video zum EP-Titeltrack Aquarium wurde am 1.1.2014 veröffentlicht. Seither wurde es bei YouTube über 2500 mal angesehen und lief das ein oder andere mal bei RadioEins. Eine Art Promoter hat sich die junge Band nämlich inzwischen auch gegönnt. Erinnere ich mich heute aber an die frühen Live-Aufnahmen, die inzwischen leider bei bandcamp entfernt wurden, so ist deren Rauhstufe auf dieser EP einem soften, naturgemäß definierteren Sound gewichen. Streichen wir also die oben angeheftete “Post-NDW-Wut” raus und ersetzen sie mit dem Label “Protopop”. Zu den Songs: ein paar alte, paar neue sind dabei. Die Resignation der “Alles Grau”-Lyrics wird nun von leichten Orgel-Tupfern konterkariert. “Rosaorange”, eine wuchtige Ode an verblichene Liebe, besticht durch geschickt gesetzte, frontale Gitarreneinsätze, die man immer wieder hören mag. Und rundum überzeugt auf dieser EP der mal schreiende, oft verträumte, immer aber selbstsichere Gesang von Tobias Bamborschke. Lediglich Song “Lisa” lehnt sich etwas sehr gewagt aus dem Morrissey-Fenster und präsentiert uns im Refrain die müde Zeile “Es wird alles wieder gut“. Naja.

Vier Songs, 17 Minuten. Eine großartige EP, die sich bei mir in Heavy Rotation befindet. Sie ist gewiss ein Schritt für die noch ungesignte Band, zu dem man seinen unbedingten Glückwunsch aussprechen muss. Ja, ich bin heute schon froh, die Gruppe ein bisschen auch seit ihren frühen Tagen zu kennen, und über sie zu berichten. Und im Bandwaggon ist noch Platz, Leute!
Zwar mögen sich ihre Mitglieder an den Unwahrscheinlichkeiten Berlins wund gerieben haben. Der Stadt aber fehlte die Band schon lange. Ihr werdet euch an meine Worte erinnern.

Wertung von 10:
9von10-klein

Die EP erscheint am 16.05.2014.

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nächste Live-Termine:
05.04.2014 Kule, Berlin
11.04.2014 Auster Club, Berlin