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Als Ronald Simmons, 47, am Morgen des 28. Dezembers den Hügel, auf dem sein Haus steht, langsam hinabsteigt, ahnt er schon, dass er den gleichen Hügel nie wieder auf seine gewohnt unschuldige aber zornige Art hinauf trotten soll. Ob er gestern nun 10 oder 12 oder 15 mal im Garten hinterm Haus gegraben hat, ist ihm nicht in Erinnerung geblieben. Aber spielte die Anzahl wirklich noch eine Rolle? In späteren Befragungen wird er sein Heim “Mockingbird Hill” nennen. Und während er sich diese Antwort gerade zurecht legt, den Mockingbird Hill also weiter gemächlich hinabsteigt und sich mit seiner Pistole, Kaliber .22, in den Familien-Van setzt, fühlt er sich Gott merkwürdig nah. Gott muss Amerikaner sein, denkt er. Gott schallt aus dem Radio: “last christmas i gave you my heart.”.

Als Simmons eine Weile durch Russelville, Arkansas, gefahren ist, erreicht er endlich das Anwaltsbüro, für das er in seinen Dreißigern eine Zeitlang arbeitete. Der Empfangsdame Kathy Kendrick, 36, schießt Simmons nach ihrem müden “Hello, Mr Simmons.” in ihren Kopf. Die erste Patrone trifft den rechten Stirnlappen. An die Einschussstellen der folgenden vier Schüsse wird sich Simmons nicht mehr erinnern können. Nur daran, dass nach dem sechsten Schuss die Stille nur vom laufenden Motor seines Wagens draußen vor der Tür dekoriert wurde. Wortlos verlässt er den Eingangsbereich, zurück auf die Straße, wo niemand unterwegs zu sein scheint, niemand, der Simmons auf den Boden werfen könnte und am Tag drauf zum Helden der Stadt wird. Aber eine Lokalzeitung gibt es hier nicht mehr und die meißten Läden auf der Hauptstraße in Russelville sind ohnehin geschlossen. Zwischen den Jahren gab es noch nie viel zu verkaufen. Nicht in Russelville.

Und wieder sei Russelville Schuld, dass er das hier erledigen müsse, denkt Simmons. So geht er die Straße weiter runter zu einer kleinen Geschäftsstelle der Taylor Oil Company. Dort schießt er wahllos auf zwei Männer. Den ersten trifft er mit einem Schuss im Hals. Er wird vielleicht überleben. Den anderen trifft er drei mal im Bauch. Der 34-jährige Angestellte hält sich beide Hände vor die Schusswunden, während er ohnmächtig wird. Er hatte Simmons nie zuvor gesehen.

Weiter die Straße runter befindet sich ein kleines Lebensmittelgeschäft. Vor einer Woche hat Simmons dort ohne Angabe von Gründen gekündigt. Wenige Tage vor seiner Kündigung jedoch belauschte er den Ladenbesitzer, wie er Simmons einen “nutzlosen, alten Idioten” nannte. Simmons schießt dreimal von außen auf das Schaufenster, geht dann hinein und schießt auf den Sohn des 57-jährigen Geschäftsinhabers, Andrew Ridgeley. Er trifft punktgenau in dessen Herz. Er ist sofort tot. Andrew Ridgeley, der Augenzeuge am Mord an seinem Sohn wird, wirft sich auf Simmons. Nach einem kurzen Kampf schießt Simmons ihm drei mal aus nächster Nähe in den Hinterkopf.

Nach mittlerweile 30 Minuten schleppt sich Ronald Simmons in ein Büro der Woodline Motor Freight Company, wo er sich Zutritt zu Privaträumen verschafft, eine aufgeregte Angestellte der Motor Freight Company bewusstlos schlägt und schließlich die Sekträterin Virginia Hudson als Geisel nimmt. Zu ihr sagt er, er hätte nicht vor, ihr weh zutun, und dass sie an nichts von all dem Schuld sei. Aber er habe eben auf mehrere “disgusting individuals” geschossen und gleich nach Weihnachten seine versammelte Familie umgebracht. 10 oder 12 oder 15 Personen. “Call the Police. Now.

Als aber Virginia Hudson ganz langsam und mit starren Augen den schweren Telefonhörer zum Ohr hebt, hört sie nur diese Geräusche.