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Er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand, und gibt mit einem kurzen aber scharfen Blick zu verstehen, dass er hier wichtig sei. Deine Frisur will das eigentlich ja auch schon ausdrücken, denke ich, und stecke sein Kärtchen in eine beliebige Jackentasche. Als ich währenddessen eine Sekunde zu lange auf die Vinyl EPs in seiner Hand starre, fragt er mich, ob ich schon eine davon habe. Nur digital? Er steckt mir also gönnerhaft eine zu und schaut dann zum Publikum rüber, das sich gerade langsam von seinen Sitzplätzen erhebt. Er ruft halblaut: “Will jemand ‘ne EP kaufen? 5 Euro.” Ein Kerl tritt heran, hat schon eine EP in seiner Hand, fragt ordnungsgemäß unterwürfig: “Hi, kann Jacob Bellens mir die hier unterschreiben?” Er sieht die Frisur. “Jacob spricht jetzt erst noch was fürs Radio ein. Und danach gibt er ein Interview.” Ich werde von beiden angeschaut. Stelle mir vor, wie ich jetzt meine Visitenkarte raus ziehen müsste, wenn ich eine hätte, und dann auch so täte, als wäre ich hier wichtig. Stattdessen schaue ich von der FluxFM Dachterrasse, auf der wir uns gerade befinden, herunter auf die braune Spree und denke “Ich hab gar keinen Plattenspieler.”

Es ist etwas ernüchternd, dass die FluxFM Moderatorin Jacob Bellens kurz vor seinem nachmittäglichen Dachterrassen-Gig auf fast die gleichen Themen abklopft, über die ich später auch vorhabe, mit ihm zu sprechen. Wie es um die dänische Musikszene steht, will sie wissen. Bellens: “Wir holen Schweden langsam ein.” Und ob es stimmt, dass er großer Hip Hop Fan ist und zum warm werden immer Hip Hop hört. “Ja, das stimmt.”

Aber eigentlich geht es hier ja um den 25minütigen Live-Gig, der nach dem Mini-Interview folgt. Bellens, den manche auch schon mal als dänischen Tom Waits bezeichneten, spielt vier Songs am Klavier. Darunter auch “Champion Sounds” von seinem Solo-Album The Daisy Age, welches letztes Jahr in Deutschland erschien. Er performt den Song ganz mühelos, brummig, elegant. Und er erinnert mich live an etwas, das ich später nicht vergessen darf zu erwähnen: Auf deiner EP und deinem Album gibt es Songs, die gesanglich merkwürdig herausstechen. Zum Beispiel “A Mood To Go Along”, “Jamboree” oder auch “Champion Sounds”. Irgendwann fiel mir auf: so, wie du die singst, könnte man diese Songs doch eigentlich auch richtig rappen. “Ja! Schon auf den ersten beiden Alben meiner Band I Got You On Tape [2006 & 2007] gibt es Beispiele, wo man den Rap Einfluss eigentlich klar heraushört. Es hat viel mit Syntax zu tun, wie die Worte landen, wie du reimst und wie du den Rhythmus rüber bringst.”

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Genau genommen aber sagt Bellens “deliver the rhythm” oder “land the words“. Hier und an manchen anderen Stellen des Interviews bilde ich mir ein, bei ihm einen unauffällig gearteten Hip Hop Slang im Wortschatz herauszuhören. Muss ich mir den 15jährigen Jacob Bellens eigentlich wie einen klischeebeladenen Hip Hop Teenager vorstellen? “Nein, nein, nein. Eher wie jemanden, der allein in seinem Zimmer sitzt, irgendwo auf dem dänischen Land und dort US Hip Hop hört. Das war während der Golden Age Of Hip Hop, also so circa zwischen ’88 und ’96.” Dein Albumtitel The Daisy Age ist ja auch der Titel eines De La Soul Songs. “Ja, stimmt schon. Irgendwie habe ich sowieso schon immer gerne Referenzen in meiner Musik versteckt. Meinen Song “Daily Operation” habe ich nach einem Albumtitel von Gang Starr benannt. Ich weiß nicht, warum genau ich den Titel wählte. Aber ich fand, er passt. Wenn ich schreibe, klaue ich eben viel.” Könnte man deine Musik nicht beinahe Slow Danish Rap nennen? Bellens lacht laut. “Yeah, thats great, I love that!”

Nachdem die 25 Minuten der Radio-Liveübertragung vorbei sind, spielt Bellens einfach weiter. Entweder, weil das Publikum auf der Terrasse so nett applaudiert, oder weil das Wetter so angenehm sonnig ist. Oder weil Bellens denkt, ihm würde die Moderatorin schon noch sagen, wann er aufhören kann. Das tut sie nicht. Aber sein Repertoire aus circa 15 Jahren des Songwritings ist eben groß. So spielt er unter anderem auch zwei unveröffentlichte Songs. Man sagt über Bellens, dass er ständig Songs schreibe, aber nur ein Bruchteil seines Outputs je zu hören ist.

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Stimmt es, dass du gerade an zwei Alben gleichzeitig arbeitest? “Das Ding ist, dass ich nie wirklich konkret an Alben arbeite. Ich arbeite einfach die ganze Zeit an Songs. Und irgendwann fühlt es sich so an, als hätte ich eine Runde absolviert. Und dann konzentriere ich mich auf diese gesammelten Songs. Gerade hab ich ein fertiges Album, das im Herbst erscheinen soll. Es wird eher orchestral sein. Mit Streichern und Bläsern. Songs von einer spezifischen Sorte eben. Und dann gibt es noch ein Album von mir, das Kasper Bjorke grade produziert. Das kommt aber wohl erst nächstes Jahr. Ach, und dann gibt es noch ein Album, das so etwas wie ein Nachfolger von The Daisy Age ist. Mehr vom Gleichen.” Du bist also ein Workaholic. “Ja, aber das hat mehr mit dem Fakt zu tun, dass ich mich nur gut fühle, wenn ich kreativ bin. Ich mach also immer mehr als nötig. Und so sammeln sich eben viele Dinge an.” Ich behaupte, eines Tages könnten wir also mit einer Veröffentlichung namens Bellens Unreleased Vol. 1 rechnen. Er lacht. Vielleicht habe ich einfach Recht.

Und dann gibt es auf der neuen EP den Song namens “Do you have anything harder?”. Den spielt Bellens auch auf der Terrasse und sagt, es ginge dabei um die Medizinbranche und seinen Vater. Auf der dänischen Wikipedia Seite von Bellens steht, seine Mutter sei plötzlich gestorben, als Jacob 18 war. Ich frage nicht nach. Aber Bellens sagt über den Song, er handele zum Teil von einer bestimmten Zeit seines Lebens. “I had been totally fucked for a couple of years. Ich hatte eine schwere Depression. Also nahm ich Anti-Depressiva, dachte aber irgendwann: ich will die Tabletten gar nicht nehmen! Also sagte ich zu meinem Vater, der Arzt ist: Do you have anything harder? Offensichtlich nutzten mir die Pillen nichts.”

Im Video zu “Do you have anything harder?” taucht Bellens kurz auf. Eine winzige Nebenrolle. “Ich will eigentlich nie in meinen Videos auftauchen, denn ich bin nicht so wirklich scharf auf die Aufmerksamkeit.” Und wie ist es dann für ihn, Konzerte zu spielen? “Weißt du, ich mag es Songs zu schreiben und aufzunehmen. Und meine Priorität ist es, die Möglichkeit zu haben, genau so weiter zu leben. Ich mag es nicht, wenn Leute mich angucken oder wenn ich im Zentrum der Aufmerksamkeit bin. Also eigentlich mag ich Bühnen gar nicht.” Ich denke jetzt an seinen Auftritt vor knapp 30 Minuten zurück, bilde mir ein, ihm ein gewisses Unwohlsein da schon angemerkt zu haben und nicke schließlich. Er weicht meinem Blick aus.

Das Interview endet hier. Als wir die Wendeltreppe hinab steigen, hat sich bei FluxFM wieder Normalität eingestellt. Bellens merkt, dass er allein gelassen wurde. Er sagt, er müsse jetzt erst mal seinen Manager wiederfinden. Diesen Typen mit der Frisur, denke ich. Dem Himmel ist die Sonne inzwischen wieder abhanden gekommen. Aber die ist jetzt auch nicht mehr so wichtig. Ich verlasse das Gebäude. Draußen weht jetzt ein merkwürdig kalter Wind. Ob das typisches Kopenhagener Wetter ist? Bestimmt jedoch ist es ein passender Abspann zu meinem Nachmittag mit Jacob. Auf dem Heimweg fasse ich in meine Tasche, um zu prüfen, ob sich meine EP noch in ihr befindet.