junior-konzertbericht-stage

Die Ursache dieses Textes ist kurz gesagt ein all zu offensichtliches Techtelmechtel mit der industry. Einem Verführungsversuch des Junior-Labels nachgebend, agiert asiwyfab nämlich bei der Band Junior als Co-Presenter ihrer aktuellen Tour und wird so auf Plakaten und in Newslettern miterwähnt. Mal die Zunge reinstecken, dürfte okay sein, dachte ich. So zum Spaß und um zu gucken, wie es schmeckt. Schmatz, schmatz. Aber nicht vergessen, das neue Junior-Video zu bloggen! Schmatz, schluck. Und immer schön unabhängig bleiben!

Denn das sollte man ehrlicherweise auch noch dazu sagen: Junior ist ein als Duo gehandeltes Grüppchen bestehend aus einem deutschen Fabian und einem amerikanischen Ian. Beide schon länger in diversen Formationen und Projekten beschäftigt (gewesen), wohnhaft in Berlin und seit Februar halt mit einem auf Tanz, Keys und Gitarre gebautem Debütalbum verfügbar (Self Fulfilling Prophets). Und aber: dieses Album ist nicht gerade das Album des Jahres, ist nicht gerade “fett produziert” und war wegen eines Labelwechsels der Band ohnehin eine Spätgeburt. Alles keine guten Zeichen. Während ich beim Hören immer mehr Lücken als Musik und immer mehr 2- als 3-Dimensionalität bemängelte, dachte ich also: Und da sollst du jetzt als Blogger deinen Segen drunter setzen? Warum?

Der Grund für mein Ja-Wort war der Song “At Least I Wrote A Song About It”. Denn seine Lyrics schmierten mir langsam aber sicher ein verstehendes Lächeln auf die Lippen. Sie erzählen zu Beginn von einer Bar mit einer entzückenden Frau und einem entzückten Mann darin und enden vorm Spiegel mit den Worten “So I asked my reflection: What are you doing wrong?/ And why are you only using this women as inspiration for songs?” Zwischendrin immer wieder das lakonische Fazit “at least I wrote a song about it” und ich, der glaubte sofort zu verstehen, welchen Geist dieser Song und sein Autor Ian atmen. Tja, und diese Form der Betroffenheit reichte aus, asiwyfab eben zum Co-Presenter der Junior Tour werden zu lassen. So kam das. Und so plump kann Leben sein.

Vier Monate später stehen meine Begleitung und ich abends im FluxBau. Zwar mag ich den FluxBau als Konzert-Location nicht wirklich, weil doof geschnitten und halb Restaurant und gefühlt immer auch kalter Austräger von Werbe-Events. Aber hier ist heute eben die Record Release Party und der Qausi-Anfang der Tour, die asiwyfab eben präsentiert, verdammt. Und morgen ginge höchstens noch der Gig in Potsdam, aber wer fährt von hier schon nach Potsdam, und ich fahre morgen sowieso nirgendwo anders hin als in Richtung Oster-Urlaub und dann bin ich ja sowie in einer anderen Welt und dann ist Junior fast wieder vergessen, außer eben durch diesen Bericht, den ich dann doch noch nachreiche. Daher: Berlin. Letzte Nacht. Dann biete uns mal was, du altes, kaltes Werbe-Berlin.

Vorband: Pablo Nouvelle. Drei Typen aus der Schweiz. Gitarre, Drums, Synths und Gesang. Bisschen rockiger Synth-Pop auf Keller Techno-Club gebürstet. Nicht schlecht für die Schweiz. Irgendwann aber folgende Durchsage: “An den Drums: Mario!” *Applaus* “An der Gitarre: Simon.” *Applaus* “Und ich bin Pablo Nouvelle!” Und ich bin reingelegt worden. Dann seid ihr also gar keine Band? Und dann sind die beiden nur deine Live Marionetten, oder wie? Was ‘ne unsympathische Elektro-Type! Und weil es der erste Deutschland Gig von Zampano Nouvelle ist, sagt er: “Schön, hier so viele Nasen zu sehen!” Einer aus dem Publikum entgegnet laut: “Selber Nase!” Ich denke still: gib’s ihm.

Dann Junior. Erste Überraschung: die spielen Live gar nicht nur zu zweit, sondern zu viert, wie die Bühnenaufteilung verrät. Erleichterung bezüglich des Albums in Sachen “fetter Sound”. Auch schön: einer von den Vieren kreischt während des Aufbaus mit verzerrter Fratze zwei erwartungsvolle Mädchen in der ersten Reihe darauf an, dass jetzt ‘ne geile Show kommt, und ob sie wirklich bereit dafür wären. Dann widmet er sich sofort wieder seinen Kabeln. Sänger Ian trägt beim Aufbau noch ein Shirt mit dem Aufdruck “Molotov muss bleiben”. Weil er für den Auftritt dann aber ein anderes Shirt anhat, denk ich mir, dass das vielleicht ‘ne Message ist, wo doch das Molotov inzwischen auch umgezogen ist. Aber dann ist der Gedanke doch eher Quatsch, weil Ian ja ursprünglich aus Missouri kommt und für solche dreifach armverdrehten Wortscherze bestimmt überhaupt gar keinen Sinn hat.

Aber weiter zum Thema Fett: erster Song heißt “Living in the Flesh”. Auf dem Album: naja. Live: laut, aggressiv, schnell, frontal und so soundwuchtig, dass ich kurz prüfe, ob ich nicht meinen Mund vor Erstaunen wieder schließen muss. Uff. Zweiter Song: Bad Habit. Auf dem Album: okay. Live: Siehe oben, plus: Ian brilliert mit seinem wunderbaren Wiedererkennungsgesang. So soulig, so da! Geil. Dritter Song: das Dylan Cover “Spanish Harlem Incident”. Ian: “Let’s play a folk song!” Kommt gut und knackig. Und dann “At Least I Wrote A Song About It”. Ach wie toll. Ich singe im Kopf mit und bin inzwischen vollends überzeugt von Junior. Und überhaupt: was ein zusätzlicher Drummer und Keyboarder in diesem Sound ausmachen! Wahnsinn. (als übrigens der Song “Skindeep Times” gespielt wurde, musste der Drummer (sorry, Namen vergessen) aussetzen und gleich fand ich’s zwei Spuren uninteressanter. Kann das der Band mal bitte jemand weitererzählen?)

Der kreischende Mitmusiker vom Aufbau heißt übrigens Ryan und gibt sich während des gesamten Auftritts weiter sympathisch verhaltensauffällig. Zum Beispiel feuert er das Publikum regelmäßig und ausdrucksstark an. So kommt es auch, dass Ian zum Publikum sagt: “… we hope you have a good time.” und Ryan sofort einschreitet mit: “No Ian, you have to do it like that: DO YOU HAVE A GOOD TIME???” Ian lacht: “Ryan should do all the talking from now on.” Ryan: “SHOULD RYAN DO ALL THE TALKING FROM NOW ON???” Riesenapplaus. Ja, so war die Stimmung bei uns. Plus eben all die dollen Songs, plus einer grundpositiven Ausstrahlung der Band da oben (insbesondere Ian), plus dem hier: Ian zieht vor der Zugabe sein Shirt aus. Darunter ein makelloser Oberkörper. Hinter mir springt ein Typ hervor, der sich noch gar nicht bemerkbar machte, und der jetzt ein Handyfoto nur von Ians Oberkörper macht. Ich denke: jetzt haben die das Molotov abgerissen. Und dann denke ich: vergiss gleich nicht, ein Poster zu kaufen.

junior-konzertbericht-poster

Am Merchtisch frage ich Ian, ob er mir was Besonderes auf mein Poster-Exemplar schreiben könnte. “Ja, was denn?” Schreib mal bitte “and so I watched you from the stage”. Ian: “Aaah, du bist der Blogger! And So I Watch You From A Blog!!” “Hehe, ja, der bin ich wohl.” “Klasse, danke fürs regelmäßige Bloggen!” “Danke für die großartige Show!” Wir beide sind glücklich. Als ich mein Geld fürs Poster zücke, sagt Ian, dass ich doch nichts dafür zahlen muss! Danke! Ja. Cool. Danke zurück. Wir beide sind dankbar. Und mit diesen Worten ziehe ich mein Fazit: so läuft das also als Mini-Teil der industry. Sich einmal bewusst als das Nutztier verhalten, als das man oft eh nur angesehen wird, und eine Tour präsentieren und Zack hat man die Kosten für ein Poster gespart, und außerdem ein bemerkenswertes Konzert gewonnen. Und einen Urlaub noch in Aussicht. Ich glaube, so würde ich’s wieder tun. An wen schicke ich noch mal die Hotelrechnung?

Mehr Fotos vom Konzert hier!

Live:
15.04. Hamburg – Molotow
16.04. Berlin – Fluxbau
17.04. Potsdam – Hans-Otto-Theater
18.04. Nürtingen – Provisorium
19.04. Stuttgart – Café Galao
20.04. Wuppertal – Hutmacher
22.04. Bremen – MS Treue
23.04. Aachen – Hotel Europa
25.04. Winterthur – Kraftfeld
26.04. München – Milla
30.04. Darmstadt – Frischzelle
01.05. Mainz – Planke Nord Open Air
02.05. Frankfurt – 25 Hours Levis Hotel