LizGreen-Haul-Away-cover

Am 16. März 2012 hatte ich das Vergnügen, die Manchesterin Liz Green im Dresdner Societaetstheater live zu sehen. Reihe 1, Platz 9 steht da auf meiner Eintrittskarte, die ich aufgehoben habe und jetzt extra noch mal rauskramte. Dass sie in einem Theater auftrat, in dem sonst eben viel Theater gespielt wird, passte ganz und gar zu ihrem Auftritt. Ich erinnere mich an den Schauspielcharakter Greens damaliger Darbietung. An eine Vogelmaske und an mehrere Rollen, in die sie zwecks jeweiliger Songbetonungen schlüpfte. Hinzu kam eine moderne Portion Selbstironie, während sie beispielsweise über ihre (tatsächliche) Künstlerarmut und (mindestens ebenso tatsächliche) Melancholie spottete.

In der ersten Reihe sitzend, wirkte sie auf mich, als gäbe es sie schon immer in diesem Theaterraum. Und hätte es da eine Scheibe zwischen Publikum und Bühne gegeben, manch einer hätte seine Nase an ihr platt gedrückt. Ja, das Theater als Ort scheint Greens natürliches Reservat zu sein. Ihr Bühnen-Debüt war mit ihrem damals ersten Album O, Devotion! (2011, PIAS) jedenfalls mehr als geglückt. Über den Vergleich ihres so creepy-reizenden Blues- und Folk-Erstlings und ihrem neuen Album sagt Green heute “I feel O, Devotion! was a dry bitter earth of an album. And Haul Away! is a breath of the edge of the world. The Ground vs The Sea I suppose.” Und stimmt man ihr beim ersten Anhören zunächst unsicher zu, kommt die Ernüchterung dann bestimmt am Ende der Platte: Das war’s schon!? Denn zusehends verliert sich der Zuhörer während der 11 Albumsongs in der penetranten Bekenntnislosigkeit dieser vermeintlichen edge of the world. Er verliert sich im Warten auf Greens Schritt in das spannende Dunkel, taumelt, fällt, kein Song links und rechts, an dem man sich festhalten könnte (oder wollte), man fällt und fällt und: landet bald schon auf dem Stopp-Knopf. Autsch.

Zwar bleibt sich die allseits zärtliche Green mit Haul Away! ihrer zuvor etablierten Unszenigkeit treu. Gut so! Als zurück gekehrte Exotin jedoch singt sie diesmal fast ausschließlich umgarnt von einem Sound, den man – typisch deutsch – erst mal in die E-Musik-Ecke verbannt, und – stereotyp britisch – einer Tee trinkenden Upperclass zusortieren möchte: Saxophon, Kontrabass, Posaune, Tuba, Cello oder Flöte sind dort biedere Steigbügelhalter auf die blass ausgeleuchtete Theaterbühne, wo Greens eigenes Spiel an Gitarre, Banjo und Klavier nicht ausreichend Kontrast hergibt. Mit dem Klavier übrigens befasste sich Liz Green für Haul Away! zum ersten mal intensiv. Das Ergebnis klingt bekömmlich. Und meistens verzichtbar (man höre Instrumental “Little i”). Nein, so kann es am Rande der Welt wirklich nicht klingen. Am Rande der Welt wird kein Tee getrunken.

Ist der allgegenwärtige Sound-Anachronismus dieses Albums per se natürlich nicht verwerflich, so erzeugt er in Gesamten doch einen durch und durch distanzierten Eindruck – eine Ich-hier/ihr-dort Pose. Und bald erinnert die Selbstisolation Greens und Kontaktunfreudigkeit ihres Sounds an merkwürdig altbackene Theateraufführungen, … solche mit barocken Kostümen, aus der Zeit gefallenen Erzählungen. Und fehlender Ironie. Nun, der verwöhnte und Mindest-Hype gewohnte Musikbetrieb ist da schon längst aufgestanden und gegangen. Die Ränge leeren sich. Ein paar unheimliche Enthusiasten feiern noch die Songs “Haul Away!” und “Where The River Don’t Flow” ab. Ich vielleicht “Bikya” (trotz und wegen seines Klavierpatzers).

Wenn O, Devotion! nun the ground war und Haul Away! the sea, dann steht Green heute mit dem Rücken zu diesem Meer. Steht mit beiden Beinen an der edge of nowhere, und mit allem Instrumentarium auf einer Theaterbühne, dessen Vorhang sich vom ersten Satz an langsam schließt. Und während ich versuche, diese Aufführung wirklich wirklich zu lieben, dabei aber wieder und wieder scheitere, erkenne ich plötzlich und bekümmert meine alten Spuren an der Scheibe zwischen hier und der Bühne, denke an Dresden, denke an heute und an daran, wie diese Spuren aus einer durchsichtigen Scheibe eine sichtbare Trennung machen.

Wertung von 10:
4von10-klein

Live in Deutschland, Schweiz und Österreich:
09.05. Basel – Parterre
11.05. Wien – RadioKulturhaus
13.05. Dresden – Societaetstheater
14.05. Bremen – Kulturhaus
16.05. Köln – King George
17.05. Berlin – Privatclub
18.05. Münster – Hot Jazz Club
19.05. Hamburg – Knust
20.05. Frankfurt a.M. – Brotfabrik
21.05. Saarbrücken – Sparte 4