Scarlett-O-Hanna-romance-floats

Nach Wochen den Nachdenkens kramte ich also endlich Stift und Papier hervor und begann den Antwortbrief mit “Das erste und letzte Mal, dass ich “Vom Winde verweht” sah, war 2005. …” Ich schrieb einer guten Freundin. Sie schrieb mir zuletzt über den Wandel in ihrem Leben und der Erkenntnis, sich nicht länger zu bücken vor Beruf und Alltag und Erwartungen. Das schrieb sie zu einem Zeitpunkt ihres Lebens, an dem ihre größte Krise grade erst überstanden war. Sie berichtete von Überarbeitung, einem Berufswechsel, Verlust von Ansehen, neuer Liebe und – überraschend – von ihrer Hochzeit. Ja, sie berichtete vom Leben. Vom richtigen Leben, vielleicht. Natürlich kann man darauf nicht leichtfertig reagieren. Natürlich brauchte ich Wochen des Nachdenkens.

Manchmal brauche ich Wochen des Nachdenkens darüber, ob ich hier ein Album besprechen kann oder nicht. Ob ich mich bereit dazu fühle. Ich gönne mir diesen Luxus. Bei Scarlett O’Hanna hat es nun aber ganz plötzlich klick gemacht. Die junge, aus Frankreich stammende Sängerin und Produzentin war ehemals Teil der erfolgreichen Gruppe Cobson. Eine Gruppe, die mir schlicht unbekannt ist. Auf ihrem ersten Solo-Album scheint O’Hanna mir dafür umso vertrauter. Meist ins Analoge (viel Gitarre, viel Klavier), manchmal ins Digitale (softe Hintergrund-Synthies) lehnend, versammelt sie auf Romance Floats neun Songs, die zusammengehalten werden von ihrer sanft unaufgeregten Stimme. Nennt es Alt-Folk; nennt es Musik, zu der man auf Leinwänden malen möchte. Nicht zwar, weil O’Hanna epische Kulissen auffahren würde, die zu breiten Strichen inspirieren. Aber sie schafft Songs, die vor allem aus der Distanz groß aussehen, Kunst am Ende des Museumsflurs. Anziehende Werke, die beim Nähertreten aber zu Miniaturen werden. Miniaturen des richtigen Lebens, vielleicht. Miniaturen, die man auch malen möchte.

Bougainvillea spectabilis

Bougainvillea spectabilis

Im Song “One By One” singt O’Hanna “If you wonder were you belong/come out where the bougainvillea blossoms/ I’ll see the buds, you’ll see the thorns/one by one we could cut them off“. Während ich sie das zum ersten Mam singen hörte, wusste ich merkwürdigerweise, dass der Zeitpunkt für die Briefantwort gekommen ist. Dass ich dieser Freundin endlich was zu sagen habe, das ihr gerecht würde. Nicht, weil die Zeile so genial wäre. Eher weil sie das Puzzlestück war, das mir fehlte. Ich dachte an den Film. Ich dachte an die Zeit, in der ich mir ihn ansah. Ich las nochmals ihren Brief, erinnerte nochmals das Jahr 2005. Las nochmal den Brief, dachte an Scarlett O’Hara. Las, dachte, verglich, hörte, dachte, und: fing an zu schreiben. Ich endete mit dem Satz: “Bitte nimm dieses kleine Hochzeitsgeschenk von mir an.” und legte die CD bei.

Wie es der Zufall will, heißt diese Freundin Hanna. Nun ist Hanna ein viel stärkerer Mensch als Scarlett O’Hara. Sie traf die besseren Entscheidungen und wendete damit ein bitteres Ende ab. Dafür ist meine Freundin ähnlich sensibel wie die hier besprochene Musik. Lebenskunst, die aus der Distanz groß aussieht. Aus der Nähe dann aber schlicht das richtige Leben darstellt. Schwer, adrett, mutig. Ihr würdet Hanna mögen. Beide.

Wertung von 10:
7von10 klein

Romance Floats erscheint am 16.05.

Live:
29.05. Haldern – Pop Bar
02.06. Berlin – Monarch
03.06. Hamburg – Mojo Jazz Café