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“Letzte Nacht träumte ich, ich hätte einen Acid Trip. Und ich dachte im Traum: Danke, Gehirn! Gute Idee! Naja, und als ich jung war, da hab ich die ja wirklich noch mitgemacht, diese Trips. Aber dann, wenn du älter wirst, fühlst du einfach the weight of the world on your shoulders. Und du hörst auf damit.”

Tim Kasher ist heute 39 Jahre alt. Er, der scheint, einen Lebensvertrag mit dem Saddle Creek Label unterschrieben zu haben, ist den meisten bekannt als Frontmann der Emo-/Folk-Rock Bands Cursive oder The Good Life. 2013 veröffentlichte er sein inzwischen zweites Soloalbum Adult Film. Es wurde ein erzählwütiger Folk und Noise Mischling. Bisweilen so wütig übrigens, dass es überladen anstrengte. Heute Abend aber, am letzten Termin seiner Deutschland Tour, steht Kasher ganz allein auf der Bühne. Der Lärm fällt weg. Die Substanz bleibt. Kasher ist ja nun einer, der oft dann überzeugt, wenn er der tänzelnden Schwere seiner Musik nichts weiter entgegen zu setzen hat, als sich selbst. Kasher trifft auf Kasher. Und erfindet dabei das Pure neu.

Wer die Bühne des Schokoladen kennt, weiß, dass es da mit fünf Mann voll ist und mit einem traurig leer aussieht. Dass es keinen Hinterausgang gibt und die Decke ungewöhnlich niedrig hängt. Kasher nun nutzt dieses Breitbildvolumen voll aus. Immer wenn er an die instrumentalen Teile seiner Songs gelangt, in denen eine Backing Band mit voller Wucht aushelfen würde, stürmt Kasher wie verirrt hin und her auf dieser Bühnenleinwand. Von links nach rechts dreht er seine schnellen Runden, drückt mal seinen Kopf gegen die Wand, singt das andere mal in eine dunkle Raumecke. Er wirkt wie ein Löwe im Käfig. Sein Wassernapf ist ein Glas Whiskey. Und auf der Suche nach einem Fressen, füttert er das Publikum.

Und Kasher füttert uns mit einem Set bestehend aus dem Solomaterial der letzten vier Jahre. Und auch wenn seine Stimme natürlicherweise gealtert ist, vibriert sie in den so inbrünstig gesungenen Refrains immer noch in einer Lautstärke und Klarheit, wie sie schon für den mittzwanzigjährigen Kasher zum Markenzeichen wurde. Er setzt sie immer dann am intensivsten ein, wenn seine Songs ihren Schmerzpunkt erreicht haben. Immer dann vielleicht, wenn ihm bei ihrem Schreiben nur die Flucht in die lang gezogenen Vokale und geschlossenen Augen blieb, die Flucht in die Empathie des Publikums.

Das Bild vom immernoch?! tourenden Emo-Veteranen aber passt nicht zu Kasher. Mit Saddle Creek war er zwar sehr früh Teil der Omaha Emo/Folk Szene, die heute ja praktisch als musealisiert gilt. Anders aber als sein Label Kollege Jake Bellows (ehemals Frontmann der köstlichen Neva Dinova), der letztes Jahr ebenfalls ein Soloalbum veröffentlichte und damit eher langweilte, wählte Kasher zuletzt den Weg des sich mutigen Neubeweisens. Und auch auf seinem ersten Soloalbum The Game Of Monogamy (2010) zeigten sich wieder Beispiele seines ungeheuren Schreibtalents. So performt er davon heute unter anderem den Song “Strays“. Darin die Zeilen “You brought home a dog you found in the alley / You said can we keep her? I said well, what kind of man would I be? / So you bought her a collar, and you called her family” Mir kommen beinahe die Tränen. Nicht nur an dieser Stelle.

Während des Konzerts kündigt Kasher freigiebig an, am Ende auf Publikumswünsche einzugehen. Das heißt, Songs zu spielen aus dem fast 15 Alben umspannenden Werk seiner beiden anderen Bands. Da haben wir es also, das Museum, an dem man sich bedienen darf. Auf Zuruf singt er dann “What Have I Done?” (Mama, I’m Swollen; Cursive, 2009). Er unterbricht ihn aber kurz vor den Zeilen “And you’re young and you’re gonna be someone / and you’re old and you’re ashamed of what you’ve become” und merkt an, wie verrückt es sei, das heute zu singen. Wie jung er wirklich war, als er den Song ursprünglich schrieb. Er schüttelt ungläubig den Kopf und fährt fort. Und ich frage mich, ob er sich in diesen Zeilen denn eigentlich wiederfindet. Ich glaube nicht. Ob Tim Kasher eigentlich stolz auf sich ist. Ich hoffe schon. Jetzt muss er nur noch von dem Trip mit den Veteranen-Songs runter kommen. Er ist doch noch immer im Dienst. Er doch noch nichts verlernt.