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Ich überlege mir meine Abschiedsworte an Nino schon während seines letzten Auftritts. Eine halbe Stunde vor unserem tatsächlich letzten persönlichen Wortwechsel also. Ich bedenke dabei, dass er jetzt seit zwei Wochen mit seiner Band auf Tour war, Österreich und Deutschland. Die längste Tour, die er bis heute absolvierte. Ich frage mich wieder, was das mit einem Menschen macht, was das mit einem Menschen wie Nino Mandl macht. Heimweh nach Wien muss ein besonderes Gefühl sein. Eins, das sich anfühlt wie der Raum zwischen zwei Magneten vielleicht. Dann denke ich endlich, dass ich ihm eine gute Heimkehr wünschen sollte und sage dann, als es wirklich so weit ist und mit möglichst ehrlich klingender Stimme, dass ich ihm eine gute Heimkehr wünsche. Ehrlicher kann ichs wirklich nicht sagen. Oder meinen. Kurz bevor ich ihm die Hand schüttele, fliegt eine Ente über unsere Köpfe hinweg. Dann will ich mich also umdrehen, verfalle aber doch noch mal in ein Gespräch mit ihm. Über den einen oder anderen Song von heute Abend, über seinen Gitarristen Raphael Sas, über den Akustik Auftritt gerade eben hier in einem Weddinger Atelier. Erst danach und nach einem zweiten Handschütteln kann ich mich los reißen. Nino ist ein Magnet.

Ein Magnet mit zwei Seiten. Am Tag zuvor treffe ich die gesamte Band am Roten Salon vor der Berliner Volksbühne, in meiner Tasche ein Interview Zettel. Es ist Samstag der 31. Mai, 16 Uhr und die Band ist etwas spät dran, weil sie im Stau zwischen hier und Hamburg fest steckte. Ob mein Interview mit Nino jetzt trotzdem gleich stattfinden kann, will ich erfahren, weil ja sofort der Soundcheck ansteht. Raphael Sas guckt angestrengt, skeptisch. Will mich auf 18 Uhr vertrösten. Vielleicht will er mich grade auch abwimmeln, weil ich sein erstes Solo Album 2012 sehr skeptisch rezensierte. Ich bilde mir also ein, dass er sich daran noch erinnen könne, bestehe dann aber trotzdem auf ein Interview mit Nino, hier und jetzt. Dann stößt Nino dazu. Oder ist besser gesagt einfach plötzlich da. Auftauchen, abtauchen, eintauchen. Einen anderen Auftritt habe ich mir schon vorher nicht vorstellen können. Dann setzen wir uns an ein Café und ich schaue auf meinen Fragezettel, von dem ich die Fragen fast auswendig kenne.

Im Prinzip sind mit der aktuellen Album-Doppelveröffentlichung auch die zwei Seiten von Der Nino Aus Wien gleichmäßig vertreten. Die pop-rockige, aufgedrehte Seite auf Träume. Und die nachdenkliche, folkige Seite auf Album Bäume. Letzteres scheint dabei beim ersten Hören bekömmlicher. Mancher würde vielleicht sagen, es entfalte sich im Wiener Tempo. Nino: “Bäume ist halt so das Handwerk, das ich erlernt hab. Solche Lieder kann ich immer schreiben. Mal besser mal schlechter, aber immer ungefähr so. Lange Lieder mit vielen Strophen, das liegt mir halt, das mach ich schon 10 Jahre lang.” Man denke an die Songs “Es geht immer ums Vollenden” oder “Connected“. Quasi Klassiker seines inzwischen sechs Alben umspannenden Werks. Beide werden auch dieses Wochenende aufgeführt. Adhoc Klassiker finden sich aber auch auf den neuen Veröffentlichungen. “Die Hütte vor dem Haus” zum Beispiel, Titeltrack “Bäume” oder “Davids Schlafplatz”. Letzterer ist ein von Geigen getragener, sich über sieben Zeitlupenminuten walzender Folksong, der erzählt von Blicken zum Weltall bis hin zu irdischen Schattenwelten. Einer von Ninos typisch heilenden Rundumschlägen. Oder auch: Handwerk. Aber diese zwei Alben mit ihren über 20 Songs scheinen letztlich auch wie eine riesige Entladung. Kommt da jetzt eigentlich erstmal lange Zeit nichts mehr? Ist das Gehirn da nicht gerade erschöpft und leer? Nino lacht. “Jaa, seit dem Song “Fantasy Dreamz” hab ich kein Lied mehr gemacht. Ich warte halt ein mal ab, bis es mich wieder überkommt. Ich hab kein Stress jetzt. Ich find das alles ganz okay, dass sich das so ausging alles. Dass sie halbwegs okay wurden, diese zwei Alben.” Vermutlich kommt aber doch nächstes Jahr erstmal keine neue Nino Aus Wien Platte, oder? “Mmmh, was haben wir jetzt?” 2014. “Na, schauen wir mal. Ich weiß nicht. Ich hab keinen Plan.

Ruhe ist Nino wichtig. Ob in der Akustik Performance seines Songs “Es geht immer ums Vollenden” am Sonntag, wo er nach dem Wort “Stille” in den Zeilen “aber irgendwann ist Stille/und du wirst dich nach dir sehnen” eine Pause macht und einwirft, wie wichtig diese Stille eigentlich wirklich sei. Oder wenn er im Interview darüber spricht, immer schon ein Mensch gewesen zu sein, der in stillen Nächten besser arbeiten kann. Dieses Kreativsein in der Nacht hat ja eine Tradition in der Musik, sage ich. Es gibt diverse Songs, die darauf anspielen, die Nacht zum Schreibort zu instrumentalisieren. Von Dylan bis Tocotronic. Und ich sage, er singe im Song “Bäume” ja selbst auch, dass er drei Tage wach ist. Ist das eigentlich eine Art Referenz an diese Tradition? “Nein, das ist einfach wahr, ich war wirklich drei Tage wach, als ich den Song schrieb. Ich weiß nicht, das hat sowas, mmmh, … die Schamanen und so bleiben auch drei Nächte wach, um ihr Volk heilen zu können und um in einen komischen Zustand zu kommen. Mich interessiert dieser Zustand schon, der kommt, wenn man zu lange wach bleibt.

Nino aus Wien unplugged in Berlin-Wedding.

Nino aus Wien unplugged in Berlin-Wedding.

Der Mensch soll nachts aussteigen aus seiner Welt. Nino steigt ein in seine. Und während die anderen mühselig schlafen, schreibt er uns einen Song wie “Fantasy Dreamz”, performt von der fiktiven Band Fantasy Dream. Darauf zu hören ist eine inszenierte 80er Stadionrock Soundkulisse, umbrandet von nicht aufhörendem Stadionrockapplaus. Das “Live is life” des Nino Aus Wien Katalogs. Aber: soundtechnisch so dezent in den Hintergrund verfrachtet, dass man viel eher nur den Dialog zweier Besucher dieses fiktiven Konzerts versteht. Die unterhalten sich über Lapalien wie die Uhrzeit, die nie angehörte CD dieser Gruppe da vorn oder darüber, ob der andere auch noch ein Bier will. Ein “lustiges Mikrodrama”, wie der Österreichische Musiker und Nino Freund Ernst Molden treffend beschrieb. Aber es ist mehr daran. “Ich kam mit dieser Songidee und alle waren recht skeptisch, wie das denn hinhauen soll. Dann haben wir das in einem Take eingespielt, und ich hab in einem Take gesungen, aber vorher nichts aufgeschrieben von dem, was ich da singe. Es kommen interessante Sachen darin vor. Es kommt tief aus der Seele. Und dazu dieser stumpfsinnige Dialog, den ich geschrieben habe. Bei Dialogen bin ich immer recht streng. Das ist so mein Ding, wo ich lang sitze und mir gut überlege, wie ich das mach.” Als ich mir den Song nach dem Interview noch mal anhöre, verstehe ich auch nach dem fünften Durchgang so gut wie nichts in diesem Gesang. Fetzen wie “I can reach the Sky” vielleicht. Oder noch “I love you so”, “Beautiful”. Dann hörts auf. Und trotzdem glaube ich nicht, dass das hier ein Liebeslied ist.

Das Thema Dialog scheint auf dieser Doppel-Veröffentlichung aber ohnehin ein bestimmendes zu sein. Vieles kommuniziert mit einem verwandten Gegenstück. In “Fantasy Dreamz” ist es diese Seele der Lyrics versus der Stumpfsinn des darüber geredeten Dialogs. Und allgemeiner: Träume handelt von Beobachtungen in Ninos Umfeld, wie er sagt. Sein Außen. Bäume dagegen ist Introspektive pur. Oder der Formalismus dieser beiden Quasi-Kozeptalben: Sensibilität auf Bäume versus Direktheit auf Träume. Die Artworks – beide in schwarz/weiß gehalten – zeigen einmal ein verwaschenes Naturmotiv. Das andere mal die Band in einem holzgetäfelten, sterilen Raum. Irgendwo las ich, jeder auf dem Foto zeige sich darauf bei etwas, das ganz untypisch für ihn sei. Und dass sich die Albennamen reimen, muss ich wohl nicht noch extra erwähnen. Aber mit einem überrascht mich Nino dann zusätzlich: “Durch die Pause vor dem Hiddentrack [, der nach dem Song “Fantasy Dreamz” spielt,] ist das Träume Album auf die Sekunde gleich lang wie das Bäume Album.” In einem gewissen Maßstab begegnen sich die Alben damit auch auf Augenhöhe. Fast wie ein Zwillingspaar, sage ich. “Naja, oder halt wie Konkurrenten.” Aber Zwillinge können ja auch Konkurrenten sein. “Ja, richtig, es sind ja eh in gewisserweise Zwillinge. Aber sie sind ja doch verschieden.

Kurz bevor wir das Interview beenden und Nino den Raphael Sas anruft, um zu fragen, ob man ihn jetzt beim Soundcheck brauche, laufen zwei Typen an unserem Tisch vorbei. Der eine fragt, ob wir nicht eine Zigarette für ihn hätten, die er sich mit seinem Kumpel teilen könne. Nino gibt ihm sofort eine seiner John Player Special Black. Ich ziehe unvermittelt nach, geben dem Kerl eine zweite von meinen John Player Special Red und frage mich, ob das jetzt was dialogisches hatte. Kurz darauf steht Nino auf, sagt, dass er jetzt zum Roten Salon gehen muss. Wir sprechen uns erst wieder am Tag darauf im Wedding auf einem alten Fabrikgelände. Da wird gegrillt, ein schöner Hund läuft umher, ein paar schöne Menschen sind auch dort, Nino spielt ein kleines Set vor 20 Leuten und am Ende fliegt eine Ente über unsere Köpfe, als wir uns zum ersten mal die Hände schütteln. Wie merkwürdig. So kann man sich doch nicht verabschieden. Ich will noch etwas bleiben und der Nino will nach Wien. Was folgt ist ein Dialog.